Dämon

Dämon

Anmk: Als ich das erste Mal mit einem Pen and Paper-RPG in Kontakt kam, ging meine Kreativität etwas mit mir durch und ich schrieb eine ziemlich ausführliche Hintergrundgeschichte für meinen Charakter. Ausserdem nahm ich mir vor, die Geschichte unseres Spiels ebenfalls aufzuschreiben. Leider hatten wir insgesamt nur 3 Sessions und ich hörte wieder damit auf. Hier sind also episodische Ausschnitte, der Geschichte einer Halbelfin.

1

Ich habe schon immer versucht, mich anzupassen. Auf keinen Fall auffallen, war das, was ich mir immer wieder sagte. Trotzdem bekam ich viel zu viel Aufmerksamkeit. Manchmal denke ich, meine Mutter genoss es, von allen Seiten bemitleidet zu werden. Ich war die Freakshow, die ihr ermöglichte, in der ganzen Stadt bekannt zu sein.
Mit der Zeit lernte ich, wie ich mit der Umgebung verschmelzen kann. Nicht wirklich einfach, wenn man bedenkt, dass ich grösser bin als die meisten Menschen. Hinzu kommen meine Augen. Violett?! Was ist das denn für eine Farbe? Meine Mutter schwor, dass ich dieselben Augen habe, wie mein Vater. Ich verachte ihn. Er verliess mich, wegen eines Fluches, für den ich nichts kann und ich sass viel zu lange allein mit meiner Mutter fest, abhängig von der Gnade der Menschen. Und die Menschen sind grausam, wenn sie etwas nicht verstehen. Ich trage die Beweise ständig mit mir herum.

Die ersten Versuche begannen, als ich gerade einmal fünf Jahre alt war. Das war drei Jahre nachdem mein Vater mich verraten hatte. Meine Mutter schämte sich dessen so sehr, dass sie nichts Besseres wusste, als nach Odar zu gehen und mich viel zu oft in die „Obhut“ eines alten Magiers zu geben. Ich weiss nicht genau, was sie sich erhofft hatte. Verständnis? Anonymität? Fakt ist, dass die Menschen von Grauheim Gefallen fanden, an der kleinen Bestie meiner Mutter.
Ich weiss nicht mehr genau, was er mir alles antat. Anfangs begann es harmlos. Er testete meine Reaktionen, Seh- und Hörvermögen. Mit der Zeit wurde es immer grausamer und er schritt zu immer drastischeren Methoden, um den Dämon in mir zu erforschen. Ich war eine Attraktion, mehr Tier als Mensch. Ein Ungeheuer, dass es zu zähmen galt. Dass ich eine Halbelfe bin, begünstigte meine Lage nicht gerade. Und in den Jahren, die ich dort verbrachte, lernte ich die Menschen zu hassen, wie kein anderes Volk. Über viele Jahre erblickte ich nicht einmal das Tageslicht. Und in der Dunkelheit meiner Zelle, erwachte eine noch grössere Dunkelheit in mir selbst. Sie war es, die dem Dämon erst richtig Nahrung gab und eine Zeit lang, verlor ich mich selbst. Ich wurde zu dem Monster, dass sie alle in mir sehen wollten. Und ein Teil von mir genoss es. Genoss, wie die Schaulustigen vorsichtig Abstand vom Gitter hielten. Genoss die Furcht, die in ihren Augen aufblitzte, wenn ich mich aus dem Schatten heraus gegen die Gitterstäbe warf und sie anknurrte. Oder wie sie einen Schritt zurücktraten, wenn ich mit meinen Krallen langsam die Gitterstäbe entlangfuhr, was ein quietschendes Geräusch verursachte. Ich verschmolz immer tiefer mit dem Dämon, rutschte immer mehr in den Wahnsinn und meine Mutter schien mich vergessen zu haben. Ein Teil von mir war froh, dass sie mich so nie zu Gesicht bekommen hatte. Der andere Teil, das kleine Mädchen, das sich immer gewünscht hätte, eine fürsorgliche, liebende Mutter zu haben, die einem über das Haar strich und sagte, dass alles gut würde, wünschte sich, sie wäre wenigstens einmal vorbeigekommen.

Ich weiss nicht, was für eine Frau meine Mutter früher gewesen sein musste. Vermutlich war sie einmal sehr schön. Ich kannte sie, als ein verkümmertes Wesen, ein Schatten ihrer selbst. Ständig war sie betrunken. Sie verkaufte ihren Körper. Vermutlich, weil sie nicht wusste, womit sie sonst Geld verdienen sollte. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie mich den Typen, die zu ihr kamen, sicher auch angeboten. Aber dafür wussten sie zu viel über mich. Niemand wollte mit einer Dämonenbrut ins Bett. Mir kam das zugute. Ich weiss nicht, ob ich noch leben würde, wenn sich die Menschen auch noch auf diese Weise an mir vergangen hätten.
Ich habe meiner Mutter nie verziehen, dass sie all das Geschehen liess. Sie hätte eine Zufluchtsperson für mich sein sollen. Stattdessen war sie immer die erste, die den Menschen verriet, wo sie mich finden konnten. Trotz allem gelang es mir erst nach ihrem Tod, die Stadt und somit auch Odar, zu verlassen.

Jetzt so darüber nachzudenken, schürte meine Wut und meinen Hass auf all jene, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Wie immer, wenn diese Gefühle so stark waren, spürte ich deutlich, das dämonische Erbe, dass mir meine Mutter mitgegeben hatte. Und als ob das nicht schon Strafe genug wäre, musste sie mich auch noch ständig daran erinnern. Alienor, fremd, anders. Ich hasste meinen Namen und sobald ich Grauheim verlassen hatte, gab ich mir einen neuen. Heute nennt man mich Zilan. Ein Name, den ich immer und immer wieder gelesen habe. Ich gab mich der Illusion hin, dass mich dieser Name zu jemand anderem machte. Jemand besserem. Jemandem der Grosses und Gutes vollbringen konnte. So wie Zilan Thalin. Irgendwann habe ich zum Trotz angefangen mich nur noch schwarz zu kleiden. Niemand kleidete sich ausschliesslich schwarz. Es sei denn, er war ein Söldner. Das machte mich zwar noch mehr zu einer Exotin, aber schwarz macht klein und ermöglichte es mir, viel besser mit den Schatten zu verschmelzen.

2

Mit einem schnellen Griff zog ich mir meinen Rucksack wieder über die Schulter und hielt verwirrt inne, als ich merkte, dass keiner von den anderen sich bewegt hatte. Sie alle starrten mich an. Genauer gesagt meine Hände. Meine Hände? Verwirrt und erschrocken betrachtete ich die Klauen, die ich anstelle meiner normalen, feinen Hände mit den langen Fingern hatte. Ich musste sie unbewusst ausgefahren haben, was mich sehr beunruhigte. Ich hoffte nur meine Augen waren nicht auch … Ein Blick in ihre misstrauischen Gesichter verriet mir alles was ich wissen musste. Ich konnte es ihnen nicht verübeln, ich wusste was sie sahen. Als ich es selbst zum ersten Mal gesehen hatte, war ich 15 gewesen.

In dieser Nacht war ich aus dem Schlaf geschreckt, weil meine Mutter und einer ihrer „Besucher“ fast die Wände zum Zittern brachten. Ich hätte eigentlich daran gewohnt sein sollen, aber in diesem Moment machte mich das so unglaublich wütend. Es war seit langem wieder eine Nacht die ich im Haus meiner Mutter verbrachte und nicht in dem halb verfallenen Tempel im Wald, den ich seit ungefähr sechs Jahren ständig aufsuchte. Eigentlich war es eine Nacht, in der sie allein hätte sein sollen. Dennoch war wohl mitten in der Nacht irgendein Betrunkener zu ihr ins Bett gestiegen.

Ich wusste, was meine Mutter trieb, alle wussten es. Obwohl ich längst nicht mehr verstand, wieso irgendein Mann freiwillig mit ihr ins Bett ging.
Es war jedenfalls so, dass ich diese unglaubliche Wut in mir, deren Quelle ich nicht ganz verstand, nicht zurückhalten konnte. Ich presste mir ein Kissen ins Gesicht und schrie die Wut hinaus. Oder sagen wir, ich wollte meine Wut hinausschreien. Tatsächlich wurde es ein erstickter Schmerzensschrei. Ich hatte mir mit etwas spitzem die Wange aufgeschnitten. Verwirrt blickte ich auf das Kissen – oder das was davon übrig war – in meinen Händen.

Im Licht des Vollmondes, der durch mein Fenster reinschien bemerkte ich die roten Tropfen meines Blutes, die sich nun auf dem Kissen befanden. Ich liess die Reste der Stofffetzen fallen, nur um gerade noch einen zweiten Schrei zu unterdrücken. Diesmal vor Schrecken. Meine Hände! Ich zitterte und ich starrte entsetzt auf das, was einmal meine Hände gewesen waren. Sie waren überzogen von einer ledrigen schwarzen Haut, und meine Finger endeten in langen, ebenfalls schwarzen, Krallen. „Nein, nein, nein. Ich will das nicht. ICH WILL DAS NICHT!“ Ich schrie die Worte fast hinaus. Mein Atem ging viel zu schnell und ich hätte fast nicht gemerkt, dass von meiner Mutter und dem Fremden kein Ton mehr heraufkam. Offenbar waren sie entweder eingeschlafen, oder der Andere war wieder gegangen.

Wie ferngesteuert stand ich auf und trat, ohne die Tür zu meinem kleinen, dürftig eingerichteten Raum zu schliessen, auf den Flur hinaus. Es gab genau eine einzige andere Tür im zweiten Stock. Ich habe jedoch vergessen, was sich dahinter befand. Aber das spielte nun keine Rolle. Ängstlich warf ich einen Blick in den einzigen Spiegel im Haus. Es schien, als hätte sich ausser meinen Händen nichts verändert. Ich wollte schon erleichtert aufatmen als ich meinen Blick im Spiegel traf. Das waren nicht meine Augen. Um Klarheit zu erhalten, holte ich einen Stein aus meine Tasche und flüsterte das magische Wort für Licht. Ohne dass es viel Konzentration erforderte, lenkte ich den Magiestrom, der seinen Ursprung in der kleinen Flamme in meinem Inneren fand, in den Stein hinein. Er begann darauf leicht zu leuchten und erhellte mein Gesicht im Spiegel.

Ich sah blass aus. Viel blasser als sonst und meine Augen, die eigentlich von einem hellen blau waren, waren fast schwarz. Als wäre das nicht schon unheimlich genug, ging ein roter Schimmer von ihnen aus. Überhaupt sah mein ganzes Gesicht viel härter aus, als ich es gewohnt war. Ohne mein Zutun zuckte mein Blick zu meinen Händen im Spiegel. Im Licht des leuchtenden Steines, bemerkte ich die feinen roten Linien, die die schwarze, lederne Haut durchzogen.

Auch jetzt, als ich sah, wie sie mich alle entgeistert anstarrten, blickte ich auf meine Hände hinunter, die in schwarzen Handschuhen steckten. Die vermochten zwar die schwarze Haut zu verstecken, aber nicht die ebenfalls schwarzen, einen halben Fuss langen Krallen. Es gab Zeiten, da konnte ich kontrollieren, ob ich meine Krallen ausfahren wollte, oder nicht. Aber niemals war es mir gelungen, wenn ich emotional aufgewühlt gewesen war. Hass, Angst oder Trauer verhinderten die Kontrolle der Krallen und ich musste warten, bis sie sich irgendwann selbst zurückzogen.
„Was ist das?“

One Comment

  • Michael

    Coole Story! Ich hoffe da kommt noch mehr. 😀 Ich will wissen mit wem sie da unterwegs ist und warum. 😉

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