Magietattoo

Gezeichnet

Prolog

Er bedachte die kleine Gruppe, deren Anführer er war, mit einem prüfenden Blick. Die Mitglieder konnten unterschiedlicher nicht sein. Und hätte er sie selber gewählt, gäbe es mehr als einen, der nicht dabei wäre. Diebe beispielsweise, waren im Allgemeinen nicht verlässlich. Er sollte den Jungen im Auge behalten und dafür sorgen, dass er sich so bald wie möglich würde beweisen müssen. Einige gewöhnliche Banditen waren auch dabei. Auch nicht seine Wahl, aber wenigstens waren sie leicht zu manipulieren. Die Spionin erwiderte seinen Blick kühl und berechnend. Er sollte herausfinden, was sie sich für Vorteile von einem Job wie diesem erhoffte. Sie könnte ihm definitiv gefährlich werden.
„Gut. Wie halten uns an den Plan.“ Fürs erste. „Ich möchte immer über alles was ihr tut unterrichtet sein. Sorgt dafür, dass nichts schiefgeht.“ Nicken von allen. „Ihr wisst was zu tun ist.“
Die Versammlung zerstreute sich. Es würde noch einiges an Vorbereitung benötigen. Aber der Zeitplan dürfte einzuhalten sein. Einige Tage vor dem Namenstag der Prinzessin sollten sie soweit sein.

1 Flucht (Eleijna)

Wir sassen im Speisesaal und planten meinen bevorstehenden 17. Namenstag. Für die symbolische Übergabe der Macht, würden wir beide, meine Mutter und ich, aus demselben Kelch trinken, dem wir zuvor ein Tropfen unseres Blutes beigemischt hatten. Das wäre nicht nötig gewesen, die Macht strebte automatisch ab einem bestimmten Alter zur Nachfolgerin.
Aber das war die traditionelle Vorgehensweise unseres königlichen Geschlechts. Seit Generationen wurde die Macht der Mutter an die ebenfalls magiebegabte Kronprinzessin weitervererbt, sobald diese alt genug war, um zu herrschen. Üblicherweise am 17. Geburtstag. Gefeiert wurde es aber immer erst am Namenstag. Dies war eine Vorsichtsmassnahme, so dass niemand in die eigentliche Zeremonie, die nun schon stattgefunden hatte, eingreifen konnte. Für diese eigentliche Zeremonie waren nur meine Mutter und ich nötig, und ihr Einverständnis die Macht, mir zu überlassen.
Meine jüngere Schwester Ajela war nicht dabei gewesen. Sie hat das Symbol der Macht nicht, was bedeutet, dass sie niemals meinen Platz als rechtmässige Kronprinzessin einnehmen könnte. Nur magieberufenen Königstöchtern ist dies erlaubt. Ajela wäre sowieso nicht glücklich mit dieser Verantwortung gewesen. (Ich war es auch nicht, aber das spielte ja nun keine Rolle mehr.) Eines Tages hat sie meinen Vater gebeten, ob sie ausziehen darf, um Knappe zu werden. Er erlaubte es ihr, wieso sollte er auch etwas dagegen haben? Und so war sie nach unserem 9. Namenstag aufgebrochen. Ich hätte sie trotzdem sehr gerne dabeigehabt, da sich die Zeit ohne meine 27 Minuten jüngere Zwillingsschwester oft sehr leer und einsam anfühlte.

Meine Mutter wollte auch nicht, dass ich ihr eine Taube schickte, weil die Zeiten sehr unsicher waren, behauptete sie. Ich habe allerdings nichts davon gemerkt. Sie bestand trotzdem darauf, dass die traditionelle Feier an meinem Namenstag im kleinen Kreis stattfinden sollte. Nur die engere Auswahl an Anwärtern um meine Hand und ihre Familien sollten dabei sein. Ja, meine Mutter wollte mich, so zumindest kam es mir vor, möglichst schnell unter der Haube wissen. Keiner der Bewerber entsprach auch nur annähernd meinem Geschmack, aber ich sagte ihr nichts davon. Auch sie hat, wie sie mir einmal mitteilte, nicht aus Liebe geheiratet. Das würde auch für mich nicht möglich sein, da ich einen Gatten brauchte, der mich im Notfall mit dem Schwert verteidigen konnte. Da ich als Magieberufene niemals eine Klinge würde führen dürfen.

Wir waren bei der Dekoration des Festsaales angelangt als es an der grossen Eichentür des Speisesaals hastig klopfte. Ohne auf unsere Antwort zu warten, wie es normalerweise üblich war, stürzte Kay’il der Hauptmann unserer Wache in den Saal.
“Verzeiht mein unpassendes Auftreten, aber es blieb keine Zeit etwas anderes überzuziehen.”, meinte er und seine kräftige Stimme hallte von den steinernen Wänden des Saales wider. Erst jetzt registrierte ich, dass er wirklich unpassend auftrat für einen königlichen Speisesaal. Er trug seine Rüstung, was normalerweise verboten war im Thronsaal. „Meine Botschaft erträgt keinen Aufschub. Wir bekamen einen Hinweis auf ein Attentat, dass auf die Kronprinzessin verübt werden sollte.“ Meine Mutter bewahrte Haltung, aber mir hatte man mein Entsetzen wohl allzu deutlich von der Stirn ablesen können. Meine Mutter räusperte sich, was mir meinen Sinn für Manieren ins Gedächtnis zurückrief. Ich setzte eine konzentrierte Mine auf, wie man es mir beigebracht hatte, obwohl ich am liebsten vor Entsetzen davongelaufen wäre.
Mit knappen Worten berichtete Kay’il was geschehen war. Eine verlässliche und treue Quelle berichtete von einem belauschten Gespräch, in welchem von der Ermordung der Kronprinzessin die Rede war. Anscheinend war es von langer Hand geplant. Voraussichtlich sollte das Attentat zur Zeit der nächsten Saat stattfinden. 5 Tage noch ungefähr, oder einer weniger, wie ihr ja wisst. Leider hat es Planänderungen gegeben. Die Quelle hat mitbekommen, dass das Attentat vorgeschoben worden war, um die Zeremonie zu verhindern. Aber man solle Eleijna trotzdem aus der Burg schaffen. So schnell wie möglich, so könnte man… Moment mal! Eleijna! Das war ja ich! Unbewusst war ich aufgesprungen um zu protestieren und lenkte so alle Blicke auf mich. Weil ich allerdings nicht wusste, was ich sagen sollte setzte ich mich wieder. Obwohl meine Angst und innere Unruhe noch zugenommen haben. “Wie viel Zeit bleibt ihr?” Das war die Stimme meiner Mutter. “Das können wir nicht genau sagen, aber wir sollten keine Zeit mehr verlieren.” Nun kam Bewegung in meine Eltern. Mein Vater rannte aus der Halle und kam kurze Zeit später mit einem Bündel Kleider zurück. Mechanisch zog ich mein langes blaues Lieblingskleid aus und schlüpfte in die bequemen aber ungewohnten Reisehosen. Ein braunes Hemd, feste Schuhe, die komischerweise sehr leicht waren und ein eigenartiger schwarzer Mantel rundeten das Outfit ab. Dann drückte mein Vater mir ein Bündel in die Hand. Vermutlich Proviant. Kay’il kam zu mir und schnallte mir ein weisses Schwert (obwohl eigentlich war es eher ein langes Messer) um die Hüfte. Wozu? Keine Ahnung, ich konnte und durfte nicht kämpfen und dieses Messer hatte ich noch nie zuvor in den Händen gehalten, geschweige denn gesehen. (Magiebegabte dürfen laut dem neuen Gesetz nicht mit anderen Waffen umgehen können. Keine Ahnung wer diese Idee gehabt hatte, aber so war es nun mal.) Dann kam meine Mutter zurück. Sie begutachtete mich kurz, warf einen Blick zu Kay’il, nickte dann einmal und bedeutete mir ihr zu folgen. Ich folgte ihr, ohne Fragen zu stellen, da ich immer noch mit der Absurdität der Situation zu kämpfen hatte.

Zuerst verliessen wir den Speisesaal und liefen in Richtung der privaten Kammer meiner Mutter. Vor einem Wandteppich blieb sie stehen. Ich wollte schon eine Bemerkung machen, als mich meine Mutter geradewegs in den Teppich hineinschob. Ehe ich mich versah stand ich in einem dunklen Gang, den ich nie zuvor gesehen hatte. Das Mal auf meiner Hand in Form eines Halbmonds kribbelte leicht. Es war das Selbe, welches meine Mutter besass, nur war es silbern und nicht grau. Eben jenes Mal fehlte bei meiner Schwester, weshalb sie auch die Magie nicht besass. Vorsichtig sah ich mich um. Viel zu sehen gab es nicht, zumal es dunkel war. Die Wände aus Stein waren ebenso grau wie der Boden und die Decke war nicht zu erkennen. Aber das wohl, weil es tatsächlich so dunkel war, dass sich der Gang schon nach zwei Schritten vor mir in der Dunkelheit verlor. Dann standen meine Mutter und Kay’il neben mir. Er hatte eine Hand um ihre Taille geschlungen und die Augen geschlossen, löste sich aber abrupt von ihr als er bemerkte, dass er ebenfalls in dem dunklen Gang stand. Ich stellte keine Fragen, dafür war jetzt nicht die Zeit. Meine Mutter hielt kurz inne und schob mir die Kapuze des Mantels über den Kopf. Sie hing mir in die Stirn und ich wollte sie schon zurückschieben als sie meine Hand stoppte. Ich liess sie sinken. Kurz legte sie mir ihre Hände auf die Schultern. „Hör mir zu Elejina. Du musst dich verstecken. Wenn du erst einmal ausserhalb des Schlosses bist, kann ich nichts mehr für dich tun. Suche nach Magister Jiro. Er bewohnt den Turm der Magier. Gib dich ihm zu erkennen. Niemandem sonst. Ich werde dich wissen lassen, wann es sicher genug ist, für dich zurückzukommen.“ «Aber …», ich blickte meine Mutter zweifelnd an. «Ich dachte, der Turm der Magier sei nur eine Legende.» Die Unsicherheit in meiner Stimme war deutlich herauszuhören. Aber meine Mutter lächelte beruhigend. «Jiro hat das Gerücht selbst gestreut, damit niemand ihn bei seinen Studien stört. Merke dir gut, was ich dir nun sage, mein Kind. Nur wer den Weg kennt, findet den Magister. Folge dem schwindenden Wasser. Überquere unsichtbare Tiefen. Durchschreite die grünen Höhen im Licht. Finde die rote Luft. Merk dir diese Worte.» Damit schien alles gesagt zu sein und sie nahm ihre Hände wieder von meinen Schultern. Verwirrt blinzelte ich sie an und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich ihre Worte beunruhigt hatten. Als durch ihr aufforderndes Lächeln mein Blick noch unverständlicher wurde, ergriff meine Mutter meine Hände und schaute mich auffordernd an. Ich begriff. Nicht sie war jetzt mehr dir Person mit der Macht, die hatte ich. Ich streckte meine Hand aus und konzentrierte mich. Ich versuchte die blaue Flamme auf meiner Hand entstehen zu lassen, wie ich es in den wenigen Übungsstunden seit meinem Geburtstag gelernt hatte. Meine Mutter hatte versucht mir kleine Dinge beizubringen, die mir nützlich wären. Die eigentliche Begabung, sagte sie, läge aber darin, dass ich mich von der Magie leiten lassen würde und nicht umgekehrt.

Blaue Flämmlein züngelten aus meinen Fingerspitzen und erhellten den schmalen Gang ein bisschen. Ich konzentrierte mich darauf, dass sie nicht mehr ausgingen, es sei denn, ich wollte das. Das musste genügen. Meine Mutter, vorsichtig wie immer, begutachtete kritisch mein Werk und kniff die Augen leicht zusammen. Sie war nicht zufrieden. Ich zuckte mit den Schultern und ging los. Lange ging es geradeaus, wir schwiegen alle drei und starrten in die Dunkelheit vor uns, die auch meine Flamme nicht erhellen konnte. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ging es hinunter. Zuerst nur langsam und dann war da eine Treppe. Vorsichtig, um nicht auszurutschen, ging ich voran. Auch da dachte ich, die Treppe würde kein Ende nehmen, als sie abrupt abbrach und wir in einer Halle standen. Das heisst für eine Halle war es eigentlich zu klein. Es war ein einfacher, quadratischer Raum aus Stein, mit einem Durchgang aus dem Licht schien. Erleichtert liess ich die Blaue Flamme, die auf meiner Hand züngelte, sterben und wollte auf den Durchgang zugehen.

Meine Mutter und Kay’il hielten mich gleichzeitig an den Armen fest. Dann hörte ich die Stimmen. Ich verstand nicht was sie sagten, sie sprachen leise, aber ich spürte, wie sich meine Mutter neben mir versteifte. Ganz leise schlichen wir an der Wand entlang bis zum Durchgang. Vorsichtig schlichen wir hindurch und pressten uns auf der anderen Seite erneut gegen die Wand.
Von meiner Mutter und Kay’il in die Ecke gedrängt verharrte ich regungslos, als neben uns eine Stimme ertönte und ich das erste Mal einen Blick auf den Eindringling werfen konnte.

“Wen haben wir denn da?  Königin Tijana. Was für eine äusserst angenehme Überraschung.” Beim Klang dieser Stimme verspürte ich unwillkürlich den Drang weit weg zu sein. Sie klang zischend und einschmeichelnd. Das Gesicht des Mannes war nicht zu sehen. Wie erstarrt stand ich da und hoffte, dass mich dieser Mann nicht sehen konnte, verspürte aber trotz der Angst auch Verwunderung und Neugier. Wiese wagte es dieser Eindringling, meine Mutter mit ihrem Vornamen anzusprechen?

Meine Mutter regte sich. “Was wollt ihr.” Ihre Stimme klang kühl und beherrscht und ihr oft so sanftes Gesicht, blickte streng nach vorne. Und wieder einmal bewunderte ich meine Mutter für ihre Fähigkeit, sich niemals anmerken zu lassen, was sie fühlte. Das streng zurückgebundene blonde Haar verstärkte den Eindruck ihrer Standfestigkeit und Härte.
Der Mann, dessen Gesicht noch immer im Dunkeln lag, musterte sie. ” Hast du gedacht auf diesem Weg entkommst du ihm?” Er lachte hart und sah sich dann suchend um. “Es geht hier nicht um mich, und das wisst ihr.” Wie konnte sie in solchen Situationen an Dingen wie Höflichkeit festhalten? Es war mir ein Rätsel und plötzlich wusste ich, dass ich der Aufgabe, die vor mir lag, niemals gewachsen sein konnte. Ich die nie mit ernsteren Problemen, als „wie viele Leute laden wir zum Bankett ein“ und „wen setzen wir neben wen“, konfrontiert worden war.

Der maskierte Mann sah sich noch einmal gründlich um im Raum als würde er etwas suchen und sein Blick schweifte ein paar Mal über mich hinweg, wobei es mir jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Aus dem Augenwinkel registrierte ich eine zweite Person die viel zu nahe bei mir stand und wäre ich nicht inzwischen vor Angst fast wie gelähmt gewesen, hätte ich bestimmt einen Schritt nach hinten gemacht.
“Jetzt wo du es erwähnst”, wandte er sich nun wieder an meine Mutter, “wo ist sie!” Es klang nicht wie eine Frage, eher wie ein Befehl und ich selbst hätte mich nie getraut jetzt nicht die Wahrheit zu sagen.

“Sie ist nicht hier. Sie besucht gerade ihre Schwester. Ein wunderbares Kind. Lässt sich zum Knappen ausbilden.” Ein Lächeln stahl sich bei den Worten auf das Gesicht meiner Mutter, was sie jung aussehen liess und ihre dunklen Augen zum Strahlen brachte, als wäre sie wirklich so verzückt von den Erinnerungen an ihre Töchter. Aber ich wusste es besser. Hinter ihrer Stirn arbeitete es. Und noch etwas wurde mir klar, es ging schon wieder um mich. Dieser Mann sprach von mir. Ich wollte aber nicht der Mittelpunkt dieses Konfliktes sein. “Spiel keine Spielchen mit ihm. Ich weiss, dass sie hier irgendwo ist, Tijana. Sags mir! Ich werde es auch herausfinden ohne dass du sprichst. Komm her!” Diesmal wagte es nicht einmal mehr meine Mutter sich ihm zu wiedersetzen. Kurz zuckte ihr Blick zu mir und dieser kurze Augenblick reichte um dem Eindringling zu sagen was er wissen wollte. “Sie ist hier. Lukas will sie, Tijana, es ist nichts Persönliches. Er braucht sie um seine Macht zu stärken.” Lukas, was für ein alter Name. Wer trug denn heutzutage noch einen solchen Namen?

„Gib sie mir Tijana. Es lohnt sich nicht, sich gegen ihn zu wehren.“
Kalte Angst packte mich und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Auf keinen Fall wollte ich diesem Mann in die Hände fallen, nicht nachdem ich diese Worte gehört hatte. Worte die Versprechen machten und keines davon wollte ich erfüllt sehen. Sie schienen mir alle mit Schmerz und Gewalt in Verbindung zu stehen.

Bevor ich wusste wie mir geschah, hatte meine Mutter den maskierten Mann geschubst, Kay’il zog gleichzeitig das lange Messer aus der Scheide an meinem Gürtel und schlug damit gegen das Tor. Noch während es sich öffnete, warf er mir das Messer wieder zu und stürzte sich auf den zweiten Eindringling neben mir. Dann begann ich zu rennen, wohl wissend das Kay’il es unmöglich geschafft haben konnte, sein eigenes Schwert noch aus der Scheide zu ziehen. Meine Mutter schrie hinter mir aber ich wagte es nicht mich umzusehen und rannte die schmale, dunkle Gasse hinunter.

Meine Kapuze wurde vom Wind nach hinten gefegt. Dann hörte ich wie der eine rief: “Dort rennt die Kronprinzessin! Schnappt sie! Tut was nötig ist, aber tötet sie nicht! Wir brauche sie lebend!” Vor Schreck wäre ich beinahe stehen geblieben. Dann aber rannte ich weiter. Wechselte die Gassen und blieb aber immer dort, wo ich wusste, dass es nie viele Leute hatte. Ich war froh, das Ajela und ich immer in der Stadt verstecken gespielt hatten, als wir klein gewesen waren. Trotzdem hatte es zu viele Menschen, die mir verdächtig vorkamen, und die mich gesehen hatten. Es war unmöglich ihnen zu entkommen. Als ich glaubte, dass beim nächsten Atemzug meine Lunge zerbersten würde hielt ich an. Ich versteckte mich im Schatten eines kleinen Hauses, setze mir meine Kapuze wieder auf und wartete. Auf keinen Fall wollte ich diesen Männern in die Hände fallen. Aber ich konnte auch nicht mehr weiterrennen und im Notfall hatte ich auch noch die Magie.

2 Training (Ajela)

Ajela erwachte schreiend und schweissgebadet aus dem Schlaf. Das dünne Laken, mit dem sie sich zugedeckt hatte, klebte an ihrem Körper und das Stroh des Sackes, auf dem sie lag stach ihr unangenehm in den Rücken. Gepresst stöhnte sie auf und drückte sich die Fäuste gegen die Schläfen, in denen diese ungeheuerlichen Kopfschmerzen pulsierten. Als sich ihr Atem wieder beruhigt hatte und der Schmerz einigermassen erträglich war, liess sie, was sie gesehen hatte, noch einmal Revue passieren. Ihre Schwester. Sie hatte fliehen müssen. Kay’il, der der erste Wächter ihrer Mutter gewesen war, war vermutlich tot. Er war sehr mutig und heldenhaft gewesen, hatte versucht ihre Schwester und ihre Mutter mit seinen leeren Händen zu beschützen. Wenn Kay’il unterlegen war, war ihre Mutter vermutlich in Gefangenschaft geraten. Sie würden nicht gerade zimperlich mit ihr umgehen, nachdem sie sich so stark gewehrt hatte. Und ihr Vater? Von ihm wusste sie nichts. Er war in der Vision nur kurz vorgekommen.

Seufzend stand Ajela auf. Sie würde sowieso keinen Schlaf mehr finden. Da konnte sie auch gleich mit dem Training beginnen. Wieder einmal war sie froh, dass sie seit einem Jahr nicht mehr mit den jungen Männern im gemeinschaftlichen Schlafraum übernachten musste. Einmal hatte einer versucht sie sich zu nehmen. Sie hatte ihm fast die Hand abgehackt. Denn ein Messer trug sie schon lange immer bei sich. Am nächsten Morgen hatte sie einen getrennten Schlafplatz gefordert. Niemand hatte sich ihr wiedersetzt. Sie war die Königstochter. Die Zweitgeborene und jene ohne Magie, ja, aber nichts destotrotz die Königstochter. Und das mit der Magie stimmte seit ihrem 17 Geburtstag auch nicht mehr. Ajela wusste genau, dass am 17 Geburtstag die Magie von der Mutter zur Tochter überging. Sie wusste nicht genau wieso, vielleicht weil sie Zwillinge waren, auf jeden Fall hatte sie seit diesem Tag ein Mal. Nicht auf der Hand, so wie Eleijna oder ihre Mutter, aber im Auge. Seither hatte sie die Visionen. Sie hatte jedoch noch nicht herausgefunden, was sie ihr genau zeigten. War es Vergangenheit? Gegenwart? Zukunft? Sicher war, dass es geschah, das wusste sie genau. Meist zeigten ihr die Visionen, wie es ihrer Schwester ging und was sie gerade tat. Das hatte ihr gefallen. So war sie immer ein bisschen bei ihr, auch wenn sie sie jetzt seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Seit längerer Zeit hatte sie auch nichts mehr von zu Hause gehört. Aber sie hatte gewusst wieso, da sie in einer Vision gesehen hatte, wie besorgt ihre Mutter war, es könnte jemand die Nachricht abfangen. Den Sinn dieser Visionen hatte sie dennoch nie wirklich begriffen. Bis heute.

Als klar war, dass Eleijna die Magie ihrer Mutter geerbt hatte, hatte Ajela ihre Eltern gebeten, ihr zu erlauben, sich als Knappe ausbilden zu lassen. Schliesslich konnte Eleijna nicht mit Waffen umgehen. Als ihre jüngere Schwester war es nur richtig, dass sie diese Aufgabe auf sich nahm, um Elejina zu beschützen. Wer weiss, vielleicht war nicht immer ein Krieger zur Stelle.

Ajela kam ihrer Aufgabe gewissenhaft nach. Ihre Eltern hatten dafür gesorgt, dass sie die besten Lehrer bekam, die das Reich zu bieten hatte. Trotzdem, die Arbeit hatte sie alleine machen müssen. Sie war froh darum, sie musste unbedingt gut sein. Die Beste, wenn es irgendwie möglich war. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihre Lehrer extra hart mit ihr waren, aber nicht damit sie besser wurde, sondern als Strafe, weil sie eine Frau war. Es war jedoch für Ajela nichts Neues, das man sie hier nicht haben wollte. Niemand hätte etwas dagegen gesagt, aber sie spürte es, im Verhalten der Jungen und im Verhalten der Lehrer. Nur Gillard, ein ehemaliger General und ihr Mentor, schien sie zu mögen. Und sie vertraute ihm. Wann immer sie Rat brauchte suchte sie ihn auf.

Auf der Lichtung unter den Bäumen, die neben dem Lager lag, begann sie mit ihren Übungen. Man hatte ihr nicht die normale Ausbildung zum Knappen angedeihen lassen. Sie wurde von Anfang an besser ausgebildet als die jungen Männer. Dass sie nun jeden von ihnen mit Leichtigkeit besiegen konnte, trug nicht gerade zur Verbesserung des Verhältnisses bei, dass sie zu ihnen hatte. Sie mieden sie, aber das war in Ordnung. Eigentlich war sie jetzt eine Kämpferin. Niemand würde sich trauen, die Königstochter als Knappen anzunehmen. Schon mit Königssöhnen sind die Ritter vorsichtig, da sie ja für ihre Sicherheit zuständig sind. Bei ihr, einer Frau, waren sie noch viel vorsichtiger.

Langsam atmete sie ein und aus. Diese Übung half ihr, dass sie ihre volle Konzentration erlangte und ganz an ihre Grenzen gehen konnte. Das tat sie immer, auch im Training. Schliesslich bereitete sie sich auf den Ernstfall vor und da musste sie bereit sein, an ihre Grenzen zu gehen. Deshalb sah sie nicht ein, dass es etwas bringen würde, beim Training anders zu handeln. Beim nächsten Atemzug machte sie einen Ausfallschritt. Zuerst trainierte sie immer ohne Waffen, dass sie im Notfall auch ohne sie zurechtkäme. Während sie die vertrauten Bewegungsabläufe wieder und wieder ausführte, spürte sie wie sie allmählich tatsächlich ruhiger wurde. Erst als sie vollkommen in ihrer Mitte war, ging sie zum Training mit den Waffen über. Völlig versunken übte sie mit Schwert, Speer und dem Duplikat von Eleijnas Messer, dass ihr ihre Mutter am Tag ihrer Abreise mitgegeben hatte. Sie verlor sich in den Bewegungsabläufen ihrer Übungen als wäre es ein Tanz. So wie sie es schon hunderte Male gemacht hatte. Bald würde sie diese Waffen einsetzen müssen, das wusste sie. Und doch empfand Ajela keine Furcht.

Wie weit lag ihr Lager von der Burg ihrer Eltern weg? Wie lange würde Eleijna brauchen um bei ihr zu sein? Sollte sie auf sie warten? Oder ihr entgegen gehen in der Hoffnung, dass sie sehen würde, wo sie war? Durch die Gedanken abgelenkt verlor sie bei einem Sprung das Gleichgewicht und fiel hin. Seufzend prüfte sie den Stand der Sonne und entschied dann, dass sie für diesen Morgen genug trainiert hatte. Zumindest was den Umgang mit Waffen betraf. Kein bisschen ausser Atem und doch völlig verschwitzt machte sie sich auf zu dem kleinen Bach, der unweit von ihrem Lager floss. Er war weder breit noch tief doch in seiner Mitte reichte ihr das Wasser immerhin bis zur Hüfte. Nachdem sie sich erfrischt hatte, wusch sie sich auch den Kopf. Ajela hatte einst ihre Haare wie ihre Schwester immer lang getragen. Als ihr jedoch ihre Haare, in der ersten Woche als sie bei den Knappen gewesen war, immer im Weg gewesen waren, hatte sie sie kurzerhand abgeschnitten.

Erfrischt und bereit um sich mit den Jungen zum Nahkampf zu treffen, machte sie sich auf den Weg zurück ins Lager. Die Jungen, denen sie begegnete mieden sie, wie immer. Ajela könnte auf den allmorgendlichen Nahkampf mit einem von ihnen verzichten. Sie besiegte sie alle. Aber Gillard verlangte, dass sie jeden Morgen gegen einen von ihnen im Nahkampf ohne Waffen antrat, und jeden Nachmittag gegen einen mit einer Waffe seiner Wahl. Er meinte, es nützte ihr nichts, wenn sie immer nur „Trockenübungen“ machte. Vermutlich hatte er Recht.

Der arme Tölpel, der nun gegen sie würde kämpfen müssen, stand mit grimmiger Miene am Tor vor der Trainingsarena. Am Anfang waren jeweils andere dabei gewesen, weil sie hatten sehen wollen, wie sie unterlag. Das geschah auch einige Male. Danach nie wieder. Jetzt war es für sie nicht mehr lustig, und sie taten so, als würden sie die Niederlagen ihrer Kollegen nicht sehen. „Gero“. Das alte Wort, das lose übersetzt Monster bedeutete, sollte als Beleidigung gedacht sein. Ajela fühlte sich dadurch jedoch eher bestärkt, sie hatte angefangen das Monster in sich zu suchen, zu zähmen und einzusetzen, falls es nötig wurde. Als Monster konnte sie ihre Schwester mit Sicherheit beschützen. Sie nickte dem Jungen, dessen Namen sie sich nie gemerkt hatte, zu, und ging würdevoll an ihm vorbei. Das war das Witzigste an der Sache. Man konnte sie schon dadurch einschüchtern, wenn man Würde ausstrahlte, und wenn sie am Hof eines gelernt hatte, dann war es, sich hoheitsvoll zu benehmen.

Der Junge und sie traten sich gegenüber. Es gab nichts zu sagen, der Kampf war waffenlos und dauerte so lange, bis einer von beiden zu Boden ging. Ajela ging in Kampfstellung. Der Junge ebenfalls. Dann griff er an. Mit schnellen Schlägen und Tritten versuchte er sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Taktik war langweilig. Ajela wehrte alle seine Schläge ab und wich den Tritten geschickt aus, dann täuschte sie einen Schlag an, wehrte einen anderen ab und liess einen zweiten sein Ziel streifen. Er benutzte zu viel Schwung, viel zu viel. Unter dem nächsten Schlag duckte sie sich hinweg, griff seine Hand und mit dem Schwung seines eigenen Schlages schwang sie ihn über ihren Rücken. Der Junge blieb keuchend am Boden liegen. Als sie ihm die Hand hinstreckte um ihm aufzuhelfen, sah sie das Messer. Er stach nach ihrem Unterarm. Keine wirkungsvolle Methode um jemanden unschädlich zu machen. Sie sah die Wut in seinen Augen. Es kam ihm also nur darauf an sie zu verletzen. In einer blitzschnellen Reaktion trat sie von unten nach seiner Hand. Sie spürte wie das Handgelenk unter ihrem Tritt brach und hörte das Knacken als der Knochen splitterte. Das Messer, welches Hoch in die Luft flog, fing sie auf und steckte es ein. Sie grinste ihn an. „Danke für das Messer.“ Das Gesicht des Jungen war weiss angelaufen. Ob vor Schmerz oder Wut, wusste sie nicht zu sagen. Immerhin hatte er nicht geschrien, dass wenigstens, rechnete sie ihm an. Sie wandte sich ab und ging. Ein zweites Mal würde sie ihm nicht aufhelfen.

Auf dem Weg zurück in ihre Kammer kam ihr Gillard entgegen. Der alte Mann stütze sich heute stärker als sonst auf seinen Stock. Sein zertrümmertes Knie schien ihm arg zu schaffen zu machen. Gillard erzählte immer gern, es wäre ihm bei einer Schlacht mit einem Morgenstern zertrümmert worden. Aber Ajela wusste es besser. Gillard war nie verletzt worden in einer Schlacht, er war ein zu guter Kämpfer. Das Knie ging in einer Höhle kaputt, in der er und seine Kompanie damals Schutz gesucht hatten. Die Höhle war eingestürzt. Ein Stein hatte ihm das Bein zerquetscht. Es war nie ganz verheilt. Trotz allem war er der beste Kämpfer den Ajela kannte. Sie konnte ihn noch immer nicht besiegen.

„Gillard der Junge, den du mir geschickt hast, hat eine gebrochene Hand.“ Gillard grinste verschlagen. „Ich schick dir einen Geschickteren nächstes Mal, versprochen.“ Fassungslos schüttelte Ajela den Kopf. „Du hast das geplant.“
„Die gebrochene Hand?“ Gillard sah sie unschuldig an. „Nein.“
Aber er wusste genau was sie meinte, sie grinste und schüttelte noch mal den Kopf. „Nein, natürlich nicht.“

„Ajela, mein Kind. Komm und leiste einem alten Mann Gesellschaft. Geh ein Stück mit mir.“ Lächelnd ging Ajela auf Gillards andere Seite und bot ihm zum Stock noch ihren Arm an, auf den er sich genauso stark zu stützen schien. Langsam und schweigend gingen sie durch das Lager, wieder zurück zum Bach in dem Ajela kurz vorher gebadet hatte. Nah am Ufer setzte sich Gillard schwer atmend auf einen Stein. Sie setzte sich daneben und sah aufs Wasser hinaus. Als sie die Stille nicht mehr ertrug sah sie Gillard an.

„Was ist Gillard?“ Dieser sah sie bekümmert an. Dann wandte er den Blick wieder ab. Seine linke Hand tastete in einer Tasche seines Gewands umher. Schliesslich seufzte er und zog die Hand wieder hervor. Und mit ihr ein kleines Stück Pergament. Auf diese niedliche Art zusammengerollt, um sie den Tauben zum Tragen mit zu geben.
„Es tut mir leid, Ajela. Ich dachte du hättest noch Zeit.“ Siedend heiss viel Ajela der Traum dieser Nacht wieder ein. Also war es doch eine Vision gewesen. Bei den Träumen war sie sich nicht immer sicher. Eine Vision verlangt ihren Preis. In der Nacht waren die Schmerzen erträglicher. Aber Ajela war auch unsicherer, ob es sich tatsächlich um eine Vision handelte.
„Wann?“ Ihre Stimme klang viel ängstlicher, als sie es sich gewünscht hätte und sie war selbst nicht mehr sicher, ob sie bereit war ihre Aufgabe anzutreten.

„Die Taube kam heute Morgen. Ich glaube es ist zwei Tage her. Du weisst sie brauchen einige Zeit hierher.“
„Was ist geschehen?“ Gillard legte ihr das Pergament in die zitternde Hand. Sie fürchtete sich davor es zu öffnen und zu lesen. Sie wollte nicht bestätigt sehen, was sie ohnehin schon wusste. Dennoch, es führte kein Weg daran vorbei. Langsam sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein und pustete sie wieder aus. Dann öffnete sie die Botschaft.

Eilnachricht

Ajela, wenn du diese Nachricht erhältst bin ich möglicherweise tot. Ich weiss nicht wie gross das Ausmass des Unheils ist, das über uns gekommen ist, und wie viele der 15 Tochterburgen an diesem Komplott beteiligt sind. Deine Schwester kann hoffentlich fliehen, aber ich weiss nicht wie weit sie es schafft. Bring dich in Sicherheit, mein Kind. Der Magister, der hinter deiner Schwester her ist, ist zu mächtig, selbst für mich, um sich ihm entgegenzustellen. Ich möchte nicht beide meiner Töchter an ihn verloren wissen.
Vertraue niemandem.
In Liebe

Das Siegel ihrer Mutter war in das Wachs am Ende der Nachricht gedrückt. Ajela sah auf und traf Gillards bekümmerten Blick. „Es tut mir leid.“, sagte er noch einmal. Ajela schüttelte den Kopf. Gillards Sorge war etwas, dass sie im Moment nicht brauchen konnte. Sie musste nachdenken.
„Ist schon in Ordnung Gillard. Gib mir nur ein bisschen Zeit.“ Er nickte. Ächzend zog er sich an seinem Stock in die Höhe und verliess schlurfend die Lichtung.

Ein bisschen verloren sass Ajela auf ihrem Stein und sah aufs Wasser hinaus. Überraschend kam die Botschaft keineswegs. Aber wie Gillard hatte sie gedacht, sie hätte mehr Zeit. Selbst nach der Vision dieser Nacht. Obwohl ihre Mutter ihr in ihrer Eilbotschaft davon abriet Elejina zu suchen, kam es für sie nicht in Frage, ihre Schwester allein zu lassen. Sie hatte sich vor allem dafür ausbilden lassen, dass sie ihrer Schwester im Kampf gegen Feinde mit Waffen zur Seite stehen konnte. Sich jetzt wie ein kleines Mädchen zu verstecken, kam ihr feige und verräterisch vor. Was also war zu tun? Wo würde sie hingehen? Wo mit ihrer Suche beginnen? Im Brief ihrer Mutter gab es keinerlei Anhaltspunkt, wohin ihre Schwester geflohen war. Vermutlich eine Vorsichtsmassnahme, falls jemand die Taube abfing. Vielleicht aber, wusste sie es ganz einfach nicht.

Blind loszumarschieren kam für Ajela nicht in Frage. Es blieb nur eine Möglichkeit um schnell herauszufinden wie sie Elejina finden konnte. Sie musste versuchen eine Vision bewusst herbeizuführen.

Kurzentschlossen stand sie auf und ging näher ans Ufer heran, ein Stein schien ihr wenig geeignet, um darauf eine Vision zu haben. Wer wusste schon, wie lange sie stillsitzen musste, bis sie erreichte, was sie haben wollte? Vorsichtig liess sie sich ins Gras nieder. Glücklicherweise war es fast trocken. Und jetzt? Probehalber schloss Ajela die Augen und konzentrierte sich auf ihre Schwester. Stellte sich vor wie sie aussah, ihr komplettes Ebenbild, bis auf das Mal, dass sie auf der linken Hand trug. Dieselbe dunkle Haarpracht, die ihr aber immer noch meist offen bis zur Hüfte fielen. Dieselben grünen Augen, fein geschwungene Wangenknochen und etwas bleiche, aber volle Lippen. Sie hatte beinahe das Gefühl sie könne sie anfassen, so realistisch fühlte sich die Vorstellung an.
Sie sah einen hellen Blitz vor ihrem inneren Auge.

3 Eintopf und Banditen (Eleijna)

Mit grossen Augen sah ich dem Mann nach. Sein Blick war geradewegs über mich hinweggeglitten. Als wäre ich gar nicht da. Dabei suchte er mit einem Eifer und einer Wachsamkeit, die mir Angst machte. Instinktiv drückte ich mich enger gegen die Hauswand, an der ich lehnte um wieder zu Atem zu kommen. Ich sah mich um.

Die Gasse, in der ich gelandet war, war sehr eng. Die Strasse starrte vor Schmutz und es stank. Nach Abwasser, Kompost und menschlichen Auswürfen. Angewidert verzog ich das Gesicht und stiess mich von der Wand ab, die ich ebenfalls lieber nicht genauer betrachten wollte. Gezielten Schrittes, aber langsam genug um keine Aufmerksamkeit mehr auf mich zu lenken, ging ich weiter. Ich musste mich arg zusammennehmen um nicht darauf zu achten, wo ich hintrat. Den vereinzelten Leuten, denen ich begegnete schien es nichts auszumachen und ich wollte wirklich nicht auffallen. Das heisst, ich erntete dennoch einige neugierige Blicke wurde aber in Ruhe gelassen, was auch daran liegen mochte, dass mein Gesicht im Schatten der Kapuze lag, die ich immer noch aufgesetzt hatte.

Lukas. Das war also der Name meines Feindes? Er kam mir unwirklich vor. So alte Namen wurden heutzutage nur noch selten benutzt. Sie erinnerten bloss an die Zeit vor dem Untergang. Das war jetzt einige Jahre her. Um die fünfhundert, wenn ich mich nicht irrte. Aber es konnte gut sein. Master Larika war oft genug an mir verzweifelt, weil ich verträumt in die Luft blickte oder einfach impulsiv eine falsche Antwort gegeben hatte, über die Ajela und ich gemeinsam gelacht hatten. Sie hatte dann immer die richtige Antwort hinterhergeschoben.

Dabei gibt es viel interessantere Dinge zu erfahren, als wie die Welt vor dem Untergang ausgesehen hatte. Das einzige was mich daran interessiert hatte, war wieso es überhaupt soweit hatte kommen können. Master Larika konnte mir darauf keine Antwort geben. Sie wusste nicht einmal, dass die Katastrophen von damals nicht natürlichen Ursprungs gewesen sein konnten. Das fanden Ajela und ich jedoch selber erst heraus als wir in die private, magische Bibliothek unserer Mutter schlichen. Wir wollten ursprünglich etwas über magische Wesen nachlesen, sind dann aber auf viel interessantere Dinge gestossen. Einen ganzen Nachmittag verbrachten wir dort und fühlten uns, als würden wir grosse Abenteuer erleben. Unsere Mutter bestrafte uns mit Putzdienst, Rüge und Schande als sie uns fand. Aber das war es wert gewesen. Ich schmunzle heute noch über unsere kindliche Freude, die wir gehabt hatten. Ach ja, ich vermisste meine Schwester.

Nach wie vor mied ich die belebteren Strassen und die Momente, dass ich mögliche Feinde gesehen hätte, wurden seltener. Gerade wich ich ungeschickt einer Frau aus die zwei verschmutzte Kinder aus dem Haus scheuchte und entschuldigte mich eilig, als sie zu wettern anfing. Ich machte, dass ich weiterkam. Früher oder später würde ich wieder unter andere Leute gehen müssen um mich umzuhören wo Magister Jiro zu finden war. Aber heute war mir das zu riskant. Es wurde schon langsam dunkler und ich fürchtete mich tatsächlich davor, doch noch jemandem in die Hände zu fallen, der mich diesem Lukas übergeben würde. Das Problem dabei war, dass ich irgendwo die Nacht verbringen musste. Denn ich war noch lange nicht aus der Stadt hinaus und wer auf der Strasse schlief, erregte mehr Aufmerksamkeit als ihm lieb war. Sicherlich nicht nur von Lukas Schergen, sondern auch von Dieben oder Schlimmerem.

Einige Strassen weiter fand ich wonach ich gesucht hatte. Ein altes, ein wenig schäbiges Gasthaus, das seine besten Tage sicherlich schon hinter sich hatte, aber dennoch einen gemütlichen Eindruck machte. Die Gaststube war, bis auf zwei Männer, die an einem Tisch sassen und Bier tranken, leer. Kurz zögerte ich. War ich zu früh dran, um ein Zimmer für die Nacht zu buchen? Der Wirt, ein grosser, freundlich dreinblickender Mann mit einem Bierbauch und einem recht sorgsam gestutzten Bart, hatte mich allerdings schon bemerkt, also ging ich entschlossen auf ihn zu.

Das Gasthaus war sauberer als ich es für möglich gehalten hatte und vermittelte tatsächlich einen ruhigen Eindruck. Das nicht mehr Gäste da waren, war mir ein Rätsel. Das Haus war mit warmem Holz vertäfelt und selbst die Bar, an der es sonst immer Streit zu geben schien, kam mir einladend vor. Ich schlug meine Kapuze zurück.

„Guter Mann, habt ihr ein Zimmer für mich?“ Die zwei Männer an ihrem Tisch verstummten und schienen nun interessiert zu uns zu schauen.

„Klar wenn der Herrschaft meine einfachen Räume genügen. Aber ich glaube du bist hier falsch M’lady. Die nobleren Gasthäuser sind näher am Schloss.“ Er lachte auf, als er meinen verdatterten Gesichtsausdruck sah. „Bist wohl nicht von hier, wa‘?“

„Nein ich … bin auf der Durchreise.“ Er lachte wieder. „Also was ist nun habt i… hast du ein Zimmer für mich? Und etwas Warmes zu Essen wär schön.“, schob ich nach kurzem Zögern hinterher.

„Kommt drauf an. Haste Geld?“

Geld? Verfl… Ich hoffte in diesem Bündel, dass mir mein Vater mitgegeben hatte, war auch Geld drin. Der Wirt lachte erneut als er mich panisch nicken sah. „Musste wohl, wenn du reist nich‘?“

Klar. Musste ich wohl. Der Wirt drehte sich wortlos um und ging durch eine Tür, während ich etwas verloren vor der Bar stehen blieb. Die beiden Männer am anderen Tisch nahmen ihr Gespräch wieder auf und ich wusste nicht wohin mit mir. Gerade als ich entschied wieder zu gehen kam der Wirt mit einem Teller zurück, der aussah als enthielte er eine Art Eintopf.
Dankbar nahm ich den Teller entgegen und setzte mich damit an einen kleinen Tisch in der Nähe der Tür.

„Das Zimmer zeig ich dir nachher. Hab nich‘ viele. Aber wir finden schon noch eins für dich, wa‘?“ Ich nickte, während ich auf einem Brocken Fleisch herumkaute. Der Eintopf war recht passabel. Das Fleisch war etwas zäh und das Gemüse verkocht, aber es schmeckte gut und war warm. Womöglich würde ich nicht immer so gut essen auf meiner „Reise.“

Ich verschluckte mich und wurde von einem Hustenanfall geschüttelt, als ich merkte, dass ich vermutlich lange nicht mehr nach Hause gehen würde. Den fragenden Blick des Wirtes quittierte ich mit einem Kopfschütteln. Er zuckte die Achseln und kehrte mir den Rücken zu, um wieder seiner Arbeit nachzugehen. Als sich meine Lunge wieder beruhigt hatte und ich normal atmen konnte ass ich weiter meinen Eintopf.

Ein Magister suchte mich, um mir meine Kräfte zu stehlen. Wie mächtig musste ein Mann sein, wenn er das vermochte? Der Gedanke war fast schon absurd. Aber ich war nie in der Geschichte der Magie unterrichtet worden. Also war es durchaus möglich, dass es Magister gab die mächtig genug waren, um so etwas zu bewirken.

Ich blickte auf als sich die zwei Männer vom Nachbartisch zu mir gesellten. Beide hatten ihren Krug Bier in der Hand und sie setzten sich links und rechts von mir auf einen der alten, hölzernen Stühle. Es waren wohl solche Stühle, von denen ich einmal Kay’il hatte jammern hören, dass man nach 5 Minuten sitzen bereits Rückenschmerzen hatte. Damals hielt ich das für das Gejammer eines alten Mannes. Nun aber spürte ich selbst schon jeden Knochen, und das nicht nur in meinem Rücken, sondern auch in meinem Gesäss. Den Männern schien es egal zu sein, denn sie lehnten sich auf den Stühlen zurück, als seien es die bequemsten Sessel, auf denen sie seit langem gesessen waren.

Vergeblich versuchte ich, mir nicht anmerken zu lassen, wie eingeschüchtert ich von ihrem Auftreten war. Der eine war ein grosser, grobschlächtiger Kerl mit einer Glatze und einer Nase, die aussah als hätte sie ihm jemand ins Gesicht gedrückt. Ihm hätte ich zugetraut, dass er sogar den Wirt, mit seiner doch schon beachtlichen Leibesfülle, mit einer Hand in die Höhe hätte heben können. Der andere war einen Kopf kleiner als sein Kamerad, sah aber mit seiner Narbe, die ihm quer über die rechte Gesichtshälfte verlief und den tätowierten Oberarmen nicht unbedingt aus, wie die bessere Wahl. Und hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich keinem von beiden begegnet. So aber konnte ich nur still dasitzen, meinen Eintopf essen, und hoffen, dass sie bald zur Sache kamen, oder wieder verschwanden. Mir persönlich wäre die zweite Möglichkeit lieber gewesen.

Gerade als ich mich zu fragen begann, ob sie sich einfach einen dummen Scherz mit einer Reisenden erlauben wollten, räusperte sich der Kleinere. Ich blickte auf und versuchte nicht zu sehr auf seine Narbe zu starren. Es war wirklich eine hässliche Narbe.

„Du bist also aus gutem Haus.“, seine Stimme, leise und bedrohlich jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Gebannt starrte ich in seine finster dreinblickenden, Schweinsäuglein und fragte mich, ob er eine Antwort haben wollte, oder ob er einfach etwas festgestellt hatte. Gerade als ich etwas sagen wollte fuhr er fort.

„Mein Kollege hier und ich haben dir ein Angebot zu machen.“

„Nein danke. Kein Interesse.“ Ich widmete mich wieder meinem Eintopf und klopfte mir innerlich auf die Schulter. Meine Stimme klang ruhiger, als ich es für möglich gehalten hätte. Dennoch musste man mir meine Angst nur allzu deutlich angesehen haben. Denn der Kerl lachte. Es war ein hartes, bellendes Lachen und ich zuckte zusammen.

„Also, hör zu Täubchen. Du magst das erste Mal ausgeflogen sein und deshalb werde ich dir die Sache erklären.“ Geschockt darüber, wie nah er mit seiner Vermutung der Wahrheit kam, schwieg ich.

„Du, bist aus irgendeinem guten Haus. Und vielleicht bist du sogar aus einer Tochterburg und bist auf den Weg zum Schloss, um den Namenstag der Kronprinzessin zu feiern. Gute Häuser haben Geld. Wir haben keines. Oder sagen wir, nicht so viel wie wir gerne hätten. Deshalb gibst du uns dein Geld.“

„Wenn ich du wäre“, meldete sich nun der andere zu Wort, „würde ich hoffen, dass es uns genügt.“ Die Stimme, ein tiefer, dröhnender Bass, stimmte mit seinem äusseren Erscheinungsbild so sehr überein, dass ich perplex mit Kauen innehielt.

Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, war, sie wissen nicht wer ich bin. Das war gut. Der zweite kam hinterher, sie wissen nicht, dass die Kronprinzessin fliehen musste. Das war komisch. Würde dieser Lukas nicht wollen, dass genau Kerle  wie diese beiden hier, wussten dass ich nicht mehr in der Burg war? So dass sie mich ihm für eine hübsche Summe abliefern würden? Vielleicht fürchtete er aber auch, dass solche wie sie andere Vorstellungen davon hatten, was sie mit mir anzustellen vermochten.

„Glaubt mir, werte Herren, nichts liegt mir ferner als zu wissen, dass gute Männer nicht gut genug bezahlt werden. Seid versichert, der Dank meines Hauses ist euch gewiss, wenn meine Eltern erfahren, dass ich von zwei so tapferen Männern geschützt wurde vor Banditen, die mich ausrauben wollten.“

„Dank.“, der kleinere, mit der hässlichen Narbe spukte aus. Seine Stimme troff nur so, vor Verachtung. „Werd‘ ich davon satt? Von Dank kann ich mir keine neuen Kleider kaufen. Hör zu Täubchen. Du machst es dir nicht leichter, wenn du versuchst uns mit leeren Versprechungen davon abzuhalten, dich auszurauben.“ Er wandte sich an den Anderen. „Wenn ich es mir Recht überlege, Jark, haben wir schon lange kein so schönes Frauenzimmer mehr gesehen. Was hältst du davon wenn mir uns nachher ein bisschen mit ihr vergnügen? Sie hat ja hier ein Zimmer.“ Er grinste lüstern und seine Schweinsäuglein glänzten.

Der grosse, Jark, schnaubte. „Die ist doch noch ein halbes Kind.“

Meine Augen zuckten zwischen den beiden hin und her. Ich war mir nur allzu bewusst, dass ich meine Angst nun nicht mehr verstecken konnte. Gerade als sich der mit der Narbe wieder mir zuwandte, sprang ich auf. Den Teller mit dem inzwischen lauwarmen Eintopf umklammerte ich, als wäre er das kostbarste, was ich besass.

Fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern, ob mir meine Mutter etwas Nützliches beigebracht hatte, was mir in dieser Situation helfen würde. Sie hatte mir nicht beigebracht wie ich mich wehren konnte. Die kleine helle Flamme Magie, die seit meinem Geburtstag immerfort in mir drin brennt, loderte leicht. Ob sie mich lenken würde?

Es war keine Zeit darauf zu warten. Denn Jark und sein Kollege waren ebenfalls aufgesprungen. Ich schleuderte einem von ihnen den Teller mit dem Eintopf entgegen. Er zerbrach an Jarks ohnehin schon flacher Nase. Er schüttelte sich. Blut lief von seiner Stirn über seine Nase. Dunkle Wut sammelte sich in seinen Augen und seine Muskeln spannten sich an. Mit einem gewaltigen Brüllen rannte er auf mich zu. Seinen Kollegen, der inzwischen vor mir gestanden wäre, warf er kurzerhand quer durch den Raum. Der Tisch auf dem er landete zerbarst unter seinem Gewicht. Ich duckte mich unter Jarks Armen hinweg und rannte nach hinten zur Tür, in der der Wirt verschwunden war. Gerade als ich hindurchschlüpfen wollte, ging die Tür auf und ich rannte in ihn hinein. Mit einem Blick erfasste er die Lage, fasste mich grob an und stiess mich hinter sich und durch die Tür. Ich fiel hin und blieb sitzen. Meine Beine hätten ohnehin bald nachgegeben.

„Jark, Kit, macht das ihr hier rauskommt!“, die einst so ruhige Stimme des Wirtes polterte durch den Gasthof. „Das hier ist mein Haus, und in meinem Haus werden keine meiner Gäste angegriffen! Und jetzt verschwindet! Ich will euch hier nich‘ mehr sehn‘!“

Offenbar ging es dem Wirt nicht schnell genug, denn ich hörte wie er durch die Gaststube polterte. Keine Ahnung was er getan hat. Auf jeden Fall kam er kurze Zeit später zurück.

Er streckte mir die Hand hin die ich dankbar ergriff. „Tut mir Leid. Ich wusste ja, dass diese Kerle nich‘ gerade Muster von Männern warn. Aber dass sie dich angreifen würden … eigentlich kennen sie die Regeln.“ Er seufzte. Als ich sicher auf den Füssen stand liess er mich los. „Ich bin Gundir. Bist du verletzt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nur die Nerven.“ Ich zögerte ob ich Gundir meinerseits meinen Namen verraten sollte, aber er schien es nicht zu erwarten, also liess ich es bleiben. „Ich … sie …“, ich schluckte, „die … die hätten …“

Gundir bedachte mich mit einem mitleidigen Blick. „Komm, ich mach dir nen neuen Eintopf.“ Erst jetzt merkte ich dass ich zitterte und ich folgte Gundir vorsichtig, um nicht erneut hin zu fallen.

Kurze Zeit später sass ich in seiner Küche, vor mir einen neuen Teller Eintopf.

4 Magie und so.

Es war früher Morgen, als er beobachtete, wie sie das Gasthaus wieder verliess. Sie drehte sich einmal suchend nach links und nach rechts, vermutlich um sich zu vergewissern, dass keine der Soldaten in der Nähe waren. Dann wickelte sie sich fest in ihren magischen Umhang. Für einen kurzen Moment verschwand sie vom Bildschirm. Sogar seine Augen waren fast zu wenig geschult, um sie immer und überall zu sehen, wenn sie diesen lächerlichen Mantel trug. Er hätte ihn Tijana niemals geben dürfen. Ausserdem war es Schwachsinn, wenn nicht einmal er sie sah. Er hatte den Mantel schliesslich erschaffen. Mithilfe der Magie, ganz klar, aber ohne ihn gäbe es diesen Mantel bestimmt nicht. Magie tat nicht viel, wenn niemand sie beherrschte. Meist schlummerte sie vor sich hin, nur um dann und wann zu explodieren und irgendwelche Naturkatastrophen auszulösen. Oder aber ein Teil von ihr spaltete sich ab, und machte es sich in irgendeinem gewöhnlichen Menschen bequem. Er hatte angefangen sie zu markieren, was gut war, denn damit hatte er die Leute besser unter Kontrolle. Hatte man das nötige Wissen, liess sich die Magie auch ganz leicht wieder aus einem Menschen entfernen. Man saugte sie gewissermassen ab und dann … nun, das behielt er wohl lieber für sich.

Das Mädchen eilte die Strassen entlang auf den Marktplatz zu. Was wollte sie dort? Erst rannte sie vom Schloss weg, um dann geradewegs wieder darauf zu? Das dumme Kind. Zu blöd, dass er sie durch den Mantel nicht beeinflussen konnte. Er schirmte auch die Gedanken ab. Sie langweilte ihn. Da er das Interesse an ihr für den Moment verloren hatte, machte er sich auf in seine „Bibliothek“. Genauer gesagt, er ging zur Quelle der Magie, aber es amüsierte ihn, sie Bibliothek zu nennen. Der Blick seiner eisblauen Augen schweifte durch die kalte, steinerne Halle, als er sie verliess.

5. Der Herr der Diebe (Eleijna)

Ich hatte mich nicht richtig bei Gundir bedankt. Als ich zu Bett gegangen bin, sicherte ich ihm den Dank meines Hauses zu. Er hielt mich wohl für eine unbedeutende Baronin einer Tochterburg. Aber ich hatte ihm nicht sagen können, wer ich wirklich war, und so konnte ich mich auch nicht richtig bedanken.

Beim allersten Sonnenstrahl stahl ich mich so leise aus der Herberge, wie es nur ging. Ich staunte über Gundirs Sinn für Ordnung als ich den Gasthof durchquerte. Nichts erinnerte mehr an den Kampf, der gestern dort stattgefunden hatte. Der kaputte Tisch war mit einem neuen ersetzt worden, der Fleck der vom Eintopf hätte übrigbleiben sollen, war weggeputzt, die Scherben entsorgt. Ich schmunzelte über die Sorgfalt dieses grossen Mannes. Vor der Tür schaute ich vorsichtig nach links und rechts, wickelte mich fester in meinen Mantel und ging los. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden und der Mantel gab mir Sicherheit. Lukas‘ Schergen hatten mich schon einmal nicht gesehen, als ich ihn getragen hatte.

Diesmal schritt ich zügig, aber nicht hektisch voran. Niemand sollte Verdacht schöpfen, wenn er mich sah und ich war unterwegs Richtung Marktplatz, da war es nicht ungewöhnlich wenn jemand ein wenig schneller ging. Wie immer seit meinem Geburtstag spürte ich das unterschwellige pulsieren der Magie in mir. Es machte mir Angst, aber ich auf eine komische Art auch das Gefühl, mich ein bisschen besser wehren zu können. Wie immer hatte ich das Gefühl, das mir meine Mutter nicht die Wahrheit erzählt hatte, als sie sagte, man müsse sich mehr von der Magie leiten lassen. Es kam mir vor, wie rohe unkontrollierte Gewalt. Davon wollte ich mich auf keinen Fall leiten lassen. Für mich stand fest, ich würde Magie im Moment nur anwenden, wenn Magister Jiro dabei war.  

Als ich mich dem Markt näherte wurden die Menschen in den Strassen lauter und zahlreicher. Ich ging im Gedränge unter und genoss die vielen verschiedenen Gerüche der Essensstände an denen ich vorbeigedrückt wurde. Ich  hatte keine Ahnung, wo ich mit meiner Suche beginnen sollte. Die Abschiedsworte meiner Mutter, kamen mir in den Sinn. Aber sie schienen mir undeutliches Kauderwelsch zu sein. Die Dinge von denen sie gesprochen hatte, ergaben für mich keinen Sinn. Ich hatte noch nie davon gehört. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Leute auszuhorchen und zu hoffen, dass zufälligerweise irgendjemand den Magister erwähnte.

Die Gesprächsfetzen die ich dann und wann aufschnappte handelte von den Waren die angeboten wurden oder von den Preisen, die man herunterdrücken wollte. Eine Weile liess ich mich von der Menge treiben. Erst als ich in der Ferne Soldaten sah, wurde mir der Ernst meiner Lage wieder bewusst. Ein wenig panisch drückte ich mich an den Leuten vorbei, direkt hinein ins Zentrum des Marktes. Um den grossen Springbrunnen herum standen oft jene Stände, die die beste Ware anboten. Mit einem vorsichtigen Blick zurück vergewisserte ich mich, dass keiner der Soldaten weiter in den Markt gekommen war und entspannte mich etwas, als ich sie nicht mehr sehen konnte.

Das Wasser des Brunnens spritze Meter hoch in die Luft und darum herum hatten sich Kinder jeder Altersstufe versammelt, die das Geschehen staunend betrachteten. Ein wenig abseits von den Kindern sassen die Mütter und lächelten ob der Begeisterung ihrer Sprösslinge. Sie erholten sich wohl einige Minuten von ihrem Einkauf, oder tauschten noch Tratsch aus, denn die meisten von ihnen hatten gefüllte Einkaufstaschen neben sich stehen. Das kam mir äusserst unvorsichtig vor, wussten sie denn nicht, dass es hier Diebe gab? Vielleicht fühlten sie sich, so stark im Zentrum auch einfach sicher. Schliesslich konnte hier jeder sehen, wenn jemand ausgeraubt wurde.

Ich hatte meine Kapuze zurückgeschlagen und genoss die Sonne auf meinem Gesicht. Wie die Kinder betrachtete ich gebannt das Spiel des Wassers, welches in den Himmel hinaufgeschossen wurde. Mein Haar, das ich sonst immer offen trug, hatte ich mir zu einem Zopf geflochten, nur einzelne kürzere Strähnen fielen sanft in mein Gesicht und kitzelten meine Wangen. Trotz meiner misslichen Lage lächelte ich, ich würde Magister Jiro schon irgendwie finden. Vielleicht wusste einer der Hanwerker, wo ich ihn finden konnte. Magister war ja sozusagen auch ein Handwerk, vor allem wenn man auch andere in Magie unterrichtete.

Gerade als ich diesen Entschluss gefasst hatte, spürte ich ein leichtes Zupfen an meinem langen Umhang. Als ich mich blitzartig umdrehte sah ich noch, wie ein recht zierliches Mädchen davonrannte. Das rote Band ihres Kleides flatterte hinter ihr her. Nach einem Griff unter meinen Umhang merkte ich, dass mein Beutel fehlte. Mein ganzer Beutel! Der enthielt alles, was für mich wichtig war. Ich rannte los, denselben Weg den ich das Mädchen hab nehmen sehen. So schnell konnte die ja nicht sein. Als ich mich durch die Menschenmenge kämpfte sah ich gerade noch, wie sie in eine schmale Gasse einbog. Ohne zu zögern rannte ich hinter her.

In der Gasse war es dunkel, da das Licht der Sonne nicht bis hier hin reichte. Für einen Moment sah ich nicht wohin ich rannte und blieb stehen. Dann sah ich etwas Rotes aufblitzen und nahm erneut die Verfolgung auf. „Du da! Bleib stehen!“ Ja, genau, super gemacht Eleijna, jetzt bleibt sie sicher stehen. Frustriert keuchte ich auf und rannte noch einmal schneller. Als ich nach links in die nächste Gasse einbog, hatte ich sie schon fast eingeholt. Das zierliche Mädchen warf einen Blick zurück und als es sah, wie nah ich schon war, blitzte es panisch in seinen Augen auf. Verzweifelt rannte es zwischen die nächsten Häuser. Dann hatte ich es endlich eingeholt und riss das Mädchen an der Schulter herum.

Wir standen in einer Art Tunnel, ein Durchgang zwischen zwei Häusern, oder genauer gesagt unter zwei Häusern hindurch. Während ich das Mädchen fest hielt merkte ich, wie sehr ich ausser Atem geraten war. „Du …“, ich holte keuchend Atem, „du musst mir meinen Beutel wieder geben.“ Mit einer Hand stützte ich mich an der Wand ab, die andere umklammerte den Oberarm der kleinen Diebin. Sie sah mich trotzig an und schüttelte den Kopf.
„Wenn du mich schlägst ruf ich meinen Bruder.“
Wenn ich sie …? Wie bitte!? Ich schlage keine kleinen Mädchen. Sie musste wohl meinen fassungslosen Blick bemerkt haben, denn sie setzte noch einen drauf.
„Er kann nämlich kämpfen, mein Bruder.“
Ich schüttelte den Kopf. „Bitte, ich will dir nichts tun.“ Ich holte Luft. „Aber ich brauche diesen Beutel. Er enthält alles, was für mich wichtig ist, verstehst du?“
Das Mädchen nickte ernst. Dann schüttelte es den Kopf. „Du bist dumm, wenn du das was für dich wichtig ist, mit dir herumträgst.“
Da ich meinen Beutel nicht sehen konnte, aber wieder ein bisschen zu Atem gekommen war, tastete ich sie ab.
„Sim!“ Ihre Stimme klang panisch und schrill in meinem Ohr.
„Beruhige dich. Ich will dir doch nichts tun. Ich möchte nur …“
„Sim!“ Ihr Schrei wiederhallte in dem kleinen Tunnel, in welchem wir uns befanden.
„Sim.“ Der Schluchzer der sich über ihre Lippen stahl, zerriss mir fast das Herz. Ich wollte ihr doch wirklich nichts tun. Aber sie hatte meinen Beutel, dessen war ich mir ganz sicher. Und ich brauchte ihn unbedingt.

„Gibt’s hier ein Problem?“ Die Stimme klang kalt wie Eis und kam mir seltsamerweise bekannt vor. „Sim.“ Das Mädchen riss sich los und bevor ich mich versah hatte sie sich hinter ihrem Bruder versteckt. Er sah auf sie herunter.
„Tyka, geh ins Haus.“ Er duldete keinen Wiederspruch.
„Nein!“ Meine Stimme klang nun ebenso panisch wie die von Tyka vorher. Sim (was war das überhaupt für ein Name?) besah mich mit einem strengen Blick.
„Doch.“, leise, bestimmt, gefährlich. Alle Gefahr ignorierend schüttelte ich den Kopf und ging auf die beiden zu. Denn auch Tyka hatte die Worte ihres Bruders missachtet und stand nach wie vor hinter ihm.
„Das ist nah genug.“ Drei Schritte vor den beiden, blieb ich wie angewurzelt stehen. Diesmal wagte ich es nicht, mich zu wiedersetzen.
„Deine Schwester, sie hat doch noch meinen Beutel.“ Diesmal streifte der Blick aus seinen strengen dunklen Augen Tyka.
„Ich habe dir gesagt du sollst nicht stehlen.“
„Aber ich möchte dir helfen.“
„Nein. Du hilfst mir, wenn du hier bleibst und in Sicherheit bist. Und jetzt gib mir den Beutel.“
Tyka gab klein bei und händigte ihrem Bruder meinen Beutel aus. Dann schickte er sie endgültig ins Haus. Sie schien geradewegs zu fliehen und mich würdigte sie keines Blickes mehr.

„Danke. Der Danke meiner …“
„Spars dir. Ich hab das nicht für dich getan.“
Er bedachte mich mit einem Blick der mir sagte, dass ich besser blieb wo ich war und öffnete dann meinen Beutel. Ich schnappte nach Luft. Impulsiv machte ich einen Schritt nach vorne und streckte meine Hand aus.
„Danke, aber ich würde es vorziehen du würdest mir meinen Beutel wieder geben.“
Er würdigte mich keines Blickes und wühlte weiter in meinen Habseligkeiten. Den Beutel mit den Heilkräutern schaute er an, aber er konnte wohl nichts damit anfangen. Das Buch der Magie, das meine Mutter mit hinein getan hatte, warf er achtlos wieder hinein. Das hätte er sowieso nicht lesen können. Den Beutel mit dem Geld … nun, er öffnete ihn und nahm das Meiste raus. Ich musste nun wirklich so schnell wie möglich Jiro finden. Für eine weitere Nacht in einem Gasthof würde das Geld nicht reichen. Aber wenigstens hatte er das Medaillon nicht gefunden.

„Bitte. Ich brauche das Geld.“ Ich hätte mich selber Ohrfeigen können, dafür dass meine Stimme so verzweifelt klang.
„Glaub mir, du bist nicht die Einzige die Geld braucht. Ausserdem, da du so viel Geld dabei hattest, nehme ich an ihr seid recht wohlhabend. Deine Eltern werden dir sicher noch mehr geben, wenn du sie darum bittest.“
Der Gedanke an meine Eltern gab mir den Rest. Wer weiss wann ich sie wieder sehen würde? Ohne nachzudenken riss ich ihm meinen Beutel aus der Hand.
„Du hast keine Ahnung okay?! Hör auf vorschnell Urteile über andere Leute zu fällen! Du kennst mich nicht! Du weisst nicht was ich durchmache! Und jetzt gib mir die Hälfte meines Geldes zurück!“ Tränen der Wut waren mir in die Augen gestiegen und liessen meine Sicht für einen Augenblick verschwimmen.
„Die Hälfte?“ Er zog eine Augenbraue hoch und seine Mundwinkel zuckten. „Im Gegensatz zu anderen hier, nehme ich Rücksicht auf das Schicksal von Mitmenschen. Und ich glaube nicht, dass deine Schwester klauen würde, hättet ihr es leicht.“ Mit einer energischen Geste wischte ich mir über das Gesicht, um die Tränen aus den Augen zu bekommen. Dann blickte ich den Typen vor mir streng an.  
Er bedachte mich mit einem Blick, als würde er ernsthaft an meiner geistigen Gesundheit zweifeln. Ich starrte zurück, auffordernd. Langsam, so als fürchtete er, ich würde ihm das Geld aus den Händen reissen, wenn ich es sah, nahm er den Beutel wieder aus den Taschen seiner Jacke. Er öffnete ihn und bedeutete mir meine Hände auszustrecken. Ich tat wie mir geheissen und er leerte den halben Inhalt des Geldbeutels in meine geöffneten Hände.
„Danke.“, flüsterte ich und liess das Geld in meinen grossen Beutel, der mir geblieben war, fallen, wo es munter klimperte.

Dabei fiel sein Blick auf meine Hand. Blitzschnell griff er danach und führte sie an sein Gesicht. Er würde doch nicht … nein, er küsste sie nicht. Stattdessen führte er sie sehr nah an seine Augen. Sein Blick huschte zwischen dem Mal auf meiner Hand und meinen Augen hin und her und ich sah Erkenntnis in seinem Blick aufblitzen. Ich hielt den Atem an.

Ein Schrei hallte durch die Nacht. „Tyka!“ Sein Blick zuckte gehetzt von mir zu der Tür in der Tyka verschwunden war. Dann liess er meine Hand fallen und lief los. Ich griff mir meinen Beutel und rannte ebenfalls. Aber in die andere Richtung. Ich wollte so schnell wie möglich weg von dort.

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