Verwandeln

Tradition und Liebe

Prolog

Unruhig liess ich meinen Blick über die anwesenden Gäste schweifen. Fast alle für mich wichtigen Leute waren hier. Das schloss viele ein, die ich vom Hörensagen kannte, einige waren kleinere Berühmtheiten. Die Öffentlichkeit war deutlich vertreten. Ich wusste, dass auch ausserhalb des Amphitheaters noch Menschen standen. Jene, die man für zu wenig wichtig erachtete, um an meinem 18. Geburtstag dabei zu sein. Auch Freunde von mir waren darunter. Aber das war nicht so schlimm. Ich hatte fest damit gerechnet, dass die meisten von ihnen nicht anwesend sein würden. Wenigstens waren Elia und Sari dabei. Elia meine allerbeste Freundin und Zimmergenossin von Kindesbeinen an, die immer schon jeden Unsinn mit mir mitgemacht hatte. Und die ruhige und pflichtbewusste Sari, der Tradition über alles ging.

Elia bemerkte mein Blick und lächelte mir beruhigend zu. Dabei zog sich ihr Mundwinkel auf der linken Seite etwas höher als auf der rechten Seite und ihre Augen glitzerten hellgrün in der Nachmittagssonne. Ich versuchte, ihr Lächeln zu erwidern, was mir nur halbpatzig gelang. Wo blieb er bloss?

Meine Mutter, die neben Sari sass, hatte das unruhige Umherschwirren meines Blickes ebenfalls bemerkt und hob nun tadelnd eine feingeschwungene Augenbraue. Dabei schnalzte sie missbilligend mit der Zunge und schüttelte kaum merklich den Kopf. Ich schluckte und holte tief Luft. Unauffällig warf ich einen Blick auf die dünne silberne Uhr, die sich seit heute Morgen um mein Handgelenk schmiegte. Noch eine halbe Stunde bevor die Feierlichkeiten begannen.

Meine Hände fanden wie von alleine den Weg in die Falten meines Kleides und ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig an den Wert dieses Stück Stoffes, so dass ich meine Hände wieder sinken liess und hinter meinem durchgestreckten Rücken verschränkte. Das Kleid aus feinster, orangeroter Seide blieb unversehrt. Meine Mutter hatte es extra für diesen Anlass gekauft. Es musste ein Vermögen gekostet haben. Denn so fühlte es sich auch an, dieses Kleid zu tragen. Ich musste zugeben, dass es mir ausserordentlich gut gefiel. Die Farbe des Kleides war exakt dieselbe wie die meiner Haare, die in langen sanften Wellen bis zu meiner Hüfte fielen. Ausserdem schien das Kleid nicht zu fallen, sondern an meinem Körper entlang zu fliessen. Es schmiegte sich überall an den richtigen Stellen an und zeigte mich zum ersten Mal in meinem Leben, der Öffentlichkeit als Frau. Ich fühlte mich unwohl. Hinzu kam, dass Valdrin immer noch nicht hier war.

Gerade als ich versucht war, selbst die Treppe des Amphitheaters hochzusteigen und vor dem Einlass nachzusehen, ob die Liebe meines Lebens sich nun doch entschliessen wollte, an meinem Geburtstag aufzutauchen, sah ich ganz oben, seine Löwengestalt. Ich verkniff mir ein Grinsen. Natürlich konnte es Valdrin nicht lassen, in Tiergestalt hier aufzukreuzen. „Das wird ihm noch Ärger einbringen“, dachte ich und kaute beunruhigt auf meiner Unterlippe herum. Dies wiederum brachte mir ein missbilligendes Zischen meiner Mutter ein, also liess ich von meinen Lippen ab und knetete stattdessen meine Hände. Von der Bank aus, auf der ich noch neben meiner Mutter sass, konnte ich sehen, dass Valdrin seine Gestalt noch nicht gewechselt hatte.

„Aitor! Lass ihn keine Dummheiten machen!“, sandte ich ein Stossgebet zum grossen Wechsler, nur um kurz darauf zusammenzuzucken, als ich vom Tor aus Rufe hörte. Ich verstand nicht, worum es ging, sah aber, wie der Löwe verschwand, und erblickte daraufhin die schulterlangen blonden Haare meines Liebsten. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, da er mit dem Rücken zum Theater stand. Mehrere Minuten vergingen und dann endlich drehte er sich um, und kam mit einem strahlenden Lächeln die Treppe runter. Ich holte tief Luft. Er war hier. Nun würde alles gut werden.

Davor

„Oana!“

Ich hielt die Luft an in meinem Versteck, im holen Stamm des Baumriesen in unserem Garten. Meine Mutter suchte schon einige Zeit nach mir. Aber ich wollte mich nicht zu erkennen geben. Ich hatte Geburtstag und dann war sie immer am Schlimmsten. Meist schleifte sie mich von Geschäft zu Geschäft, um mich angemessen zu kleiden, und ich musste stundenlang stillsitzen und den langweiligen Gesprächen ihrer Freundinnen und unseren Verwandten lauschen. Meiner Meinung nach hatte das entschieden zu wenig mit einer Feier zu tun. Hinzukam, dass ich in diesem Jahr 18 wurde und am Ende des Tages verheiratet sein sollte. Mit einem mir vollkommen fremden Menschen. Also hatte ich in diesem Jahr entschieden, mich zu verstecken. Sobald sie aufhörte, mich zu suchen, würde ich mich zu Valdrin aufmachen. Wenigstens vor der Feier wollte ich ihn noch einmal im Arm halten. Er hatte mir versprochen an diesem Abend mit mir die Sterne zu sehen und das war vermutlich das schönste Geburtstagsgeschenk dieses Jahres. Natürlich setzte das voraus, dass alles gut ging und wir unseren Plan umsetzen konnten.

„Oana!“

Die Stimme meiner Mutter klang zusehends ungeduldiger. Aber inzwischen war sie ganz sicher auch weiter weg. Super, dann konnte ich mich schon bald davonschleichen. Gerade als ich mich allerdings aufmachen möchte, um mein Versteck zu verlassen und anschliessend in meiner Fuchsgestalt über den Rasen zu flitzen, klopft es leicht gegen die Baumrinde. Mist. Hoffentlich war es wenigstens Elia und nicht Sari die vor meinem Versteck stand.

Ich antwortete mit einer Klopfformation, um ihr zu sagen, dass sie eintreten soll. Erneutes Klopfen war die Antwort. Um meiner ankommenden Freundin im hohlen Baum Platz zu machen stand ich auf und drückte mich an die, im inneren des Baumes, feine Rinde.

Fast lautlos landete meine beste Freundin Elia neben mir im Baum und grinste mich an. Kurz ertönte von draussen ein Pfiff. Elia stellte sich neben mich und Sari landete leichtfüssig dort, wo Elia vor einem Moment noch gestanden hatte. Wie immer, sah sie sich leicht misstrauisch in meinem Versteck um, bevor sie sich vorsichtig hinsetzte.

Elia umarmte mich und gemeinsam setzten wir uns ebenfalls auf den Boden. Aufmerksam betrachtete sie mich und liess ihren Blick über meine Gestalt schweifen. „Du siehst gut aus.“, meinte sie und ihre leicht rauchige Stimme, die ihre Tiergestalt verriet, klang wie Musik in meinen Ohren. Ich hatte nicht gedacht, an diesem Tag tatsächlich meine Freundinnen zu sehen. Das strikte Programm meiner Mutter erlaubte keinen Kontakt mit Freundinnen an Geburtstagen. Weil dies mein letzter unverheirateter Geburtstag war, fand ich es in diesem Jahr besonders schlimm, sie nicht sehen zu können. So freute ich mich sehr, dass sie beide hier waren. Auch Sari. Und ich fühlte mich ein bisschen schlecht, dass ich mir vor einem Augenblick noch gewünscht hatte, sie wäre nicht dabei. Lächelnd drückte ich ihre Hand.

Sari erwiderte meinen Druck halbherzig und sah mich sogleich tadelnd an. „Deine Mutter sucht dich seit Stunden!“, sie klang empört, wie immer, wenn ich mich nicht an die Regeln unserer Gesellschaft hielt. Im Gegensatz zu Elias Stimme klang ihre jedoch melodiös und sanft, was in einem ziemlich harschen Widerspruch zu ihren Worten stand.

Ich schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht Sari. Der Tag ist noch nicht so alt, dass sie mich schon lange suchen könnte.“ Beim ersten Licht des Morgens war ich in meinem Lieblingskleid aus dem Fenster geklettert. (Aitor sei Dank ist nichts passiert, ich kann nicht besonders gut klettern.) Dann hatte ich mir aus der Küche einige Köstlichkeiten genommen, darunter zwei meiner Lieblingsküchlein, und war im hohlen Stamm meines Baumes verschwunden, gerade als sich das Fenster des Zimmers meiner Eltern mit einem durchdringenden Quietschen geöffnet hatte. Ich verstand nicht, warum sie das nicht schon lange hatten reparieren lassen.

Jedenfalls sass ich also nicht länger als eine halbe Kerze in meinem Baum, allerhöchstens. Folglich konnte mich meine Mutter noch nicht so lange suchen. Das sagte ich auch Sari, was diese allerdings nicht so sehr zu überzeugen schien. Elia liess sich davon genau so wenig einschüchtern, wie ich selbst.

„Nun erzähl schon!“, drängte sie, „wie fühlt es sich an?“

Ja, wie fühlte es sich an? Ich fühlte mich nicht anders als noch vor einem Jahr. Immer noch dieselbe eigensinnige Oana. Das Einzige, das anders war, war, dass ich heute noch verheiratet werden sollte. Allerdings sollte ich das nur. Ich hatte mir und Valdrin allerdings versprochen, dass ich das nicht zulassen würde. Wir hatten auch schon einen Plan.

„Keine Ahnung.“, sagte ich also und zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall nicht so, als wäre ich schon dazu bereit.“

„Dabei ist das ein Privileg. Du solltest dich glücklich schätzen. Ich kann vielleicht nie damit rechnen, dass ich mit 18 heiraten darf.“, Saris feine Stimme klang nun tatsächlich empört. Allerdings hatte das viel mehr mit ihrer eigenen Angst zu tun, nicht verheiratet zu werden, als mit wirklicher Wut über mich und meine Wünsche.

Sari und Elia waren Bastardkinder. Ihre Väter hatten mit anderen Frauen als jenen, mit denen sie verheiratet gewesen waren, geschlafen und weil aus dieser Vereinigung Kinder hervorgegangen waren, hatte man sie zum Tode verurteilt. Sari und Elia hatten zwei mögliche Arten der Zukunft. Entweder wären sie in einem Tempel von Aitor aufgezogen und als Tempeldienerinnen und später vielleicht Priesterinnen ausgebildet worden oder sie wurden von einer Familie aufgenommen. Dies haben meine Eltern gemacht. Allerdings mehr damit ich Spielkameradinnen und Helferinnen hatte als aus wirklicher Nächstenliebe. Obwohl ich insgeheim annahm, dass meine Mutter oft wünschte, dass ich mehr so war wie Sari. Jedenfalls ist es so, dass Meniden nicht nur ein sehr traditionsbewusstes, sondern auch ein sehr abergläubisches Volk waren. Viele Meniden, vor allem Männer, befürchten dass Bastardkinder den Betrug im Blut hätten und sie auf kurz oder lang dasselbe Schicksal wie ihre Eltern ereilen müssten. Daher werden sie fast nie verheiratet. Niemand möchte schliesslich einen Partner, der ihn hintergeht und dann hingerichtet wird. Die Witwer oder Witwen die daraus nämlich hervorgehen, gelten als vom Pech verfolgt und meist finden auch sie ihr Leben lang keinen Partner mehr.

Ich zuckte entschuldigend mit den Achseln. Sari wusste nicht, dass ich schon über zwei Jahre lang eine heimliche Beziehung mit Valdrin führte, und so konnte ich ihr auch nicht sagen, warum ich unbedingt nicht heiraten wollte. Elia drückte erneut meine Hand. Ihr hatte ich mich anvertraut, und sie wusste auch von dem Plan, den Valdrin und ich gemeinsam ausgeheckt hatten. Er war heikel und wenn der Plan in die Hose ging, konnte es gut sein, dass man mich hinrichten würde. Was auch der Grund war, warum Elia mich lange Zeit von meinem Plan hatte abhalten wollen. Sie fand, das Risiko ihre beste Freundin zu verlieren sei zu gross. Irgendwann hatte ich sie allerdings überzeugen können, dass ich lieber ein kurzes Leben mit Valdrin hätte, als ein langes, an der Seite eines Mannes, den ich nicht kannte und schon gar nicht liebte. Schliesslich willigte sie ein.

Trotzdem waren wir beide heute unglaublich nervös. Ein weiterer Grund warum ich mich in meinem Baum versteckt hatte. Ich musste bis zur Zeremonie am späten Nachmittag ausharren, bevor ich wir versuchen konnten, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn es gelang, so würde ich nachher aufbrechen, um mit Valdrin die Sterne zu sehen. Wenn nicht … Ich weigerte mich, darüber nachzudenken. Einen Notfallplan, gab es nicht.

Als ich merkte, dass ich zu lange geschwiegen hatte, lächelte ich Sari entschuldigend an. „Ich bin einfach nur so wahnsinnig nervös.“, wieder zuckte ich mit den Achseln. „Hier im Baum kann ich wenigsten noch für einen kurzen Moment ich sein, ohne mich mit Hochzeitsvorbereitungen herumschlagen zu müssen. Verstehst du?“

Sari verstand nicht. Sie sah mich enttäuscht an. „Das hier, ist dein grosser Tag. Geniesse ihn gefälligst!“, meinte sie, verwandelte sich dann umgehend in ihre Nachtigallgestalt und flog aus meinem geliebten Versteck.

„Nimm es ihr nicht übel. Du weisst doch, dass sie sehr darunter leidet, dass sie ist, wie sie ist.“

Ich nickte betreten und schwieg. Natürlich wusste ich das. Aber ich konnte mich dennoch nicht dazu durchringen, mich zu freuen. Noch nicht. Nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand.

Elia fasste erneut nach meinen Händen. „Es wird bestimmt funktionieren Oana. Wir haben das durchdacht. Valdrin weiss, was er tut.“, und ihre raue Stimme und die Tatsache, dass ihre Hände (im Gegensatz zu meinen eigenen) nicht zitterten, beruhigte mich tatsächlich ein bisschen.

„Denkst du, wir können uns noch einmal an den See davonstehlen und ein kurzes Bad nehmen? Das wäre jetzt genau das Richtige für mich.“

„Klar doch! Aber wir müssen uns beeilen“, meinte Elia. Ich traue es Sari zu, dass sie dich in ihrer Enttäuschung bei deiner Mutter verpetzt.

Darüber kicherten wir beide und machten uns an den Aufstieg.

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