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Schreibübung

Hinter dem Lattenzaun

Aufgabe: Suche dir ein Gedicht aus deiner Schulzeit und mache daraus eine Geschichte:

Christian Morgenstern

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm

mit Latten ohne was herum,

ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

Als ich ein kleines Mädchen war, befand sich auf meinem Schulweg ein Lattenzaun. Er war nicht mehr der Neuste. Wind und Wetter hatten ihm gleichermaßen zugesetzt und die schöne natürliche Farbe frischen Holzes, war einem schimmeligen Grau gewichen. Trotzdem mochte ich den Zaun.

Ich mochte, dass er, obwohl er alt aussah, hochaufgerichtet da stand. Es gefiel mir auch, dass der Zaun nur einmal durch ein kleines, ebenfalls hölzernes Tor unterbrochen wurde. Das hölzerne Tor – eigentlich war es eher ein Törchen – war ebenso schmucklos wie der Rest des Zauns. Bis auf ein gusseiseneres Schild, auf dem in großen, verrosteten Buchstaben, „das Tor bitte immer schließen“ stand. Es hing etwas schief in den eisernen Angeln, an denen sich längst Rost festgesetzt hatte. Wenn ich an der Stelle vorbeikam, an der sich das Törchen befand, so stellte ich mir jeweils vor, wie schön es quietschen würde, wenn ich es öffnete. Darüber freute ich mich. Ich dichtete sogar ein Lied über das quietschende Tor.

Das Tor tatsächlich zu öffnen, traute ich mich aber nicht. Zumindest bis an jenem verhängnisvollen Tag. Nicht etwa, wegen des großen Schäferhunds, der hinter dem Zaun sass. Der Hund war schließlich mein Freund. Ich brachte ihm jeden Morgen ein Leckerli mit. Nein was mich daran hinderte, war der große grüne Rasen, der sich hinter dem Zaun erstreckte. Er wirkte neben dem Zaun ebenso fehl am Platz, wie die imposante weiße Villa, die am Ende des Rasens lag.

Ich bildete mir ein, das Gartentor sei ein Tor in eine andere Welt. Mein kindlicher Verstand erklärte sich damit, warum der Zaun so heruntergekommen wirkte, das Haus dahinter aber geradewegs einem Märchen hätte entspringen können.

Vor allem zu Beginn meiner Schulzeit wirkte das ganze Szenario für mich sehr mysteriös. Ich war für mein Alter sehr klein und konnte nicht über den Zaun schauen. Also lugte ich jeweils durch die Zwischenräume, um zu sehen, was dahinter vor sich ging. Bis auf Fritz – so nannte ich den Schäferhund – hatte ich allerdings nie ein anderes Tier oder gar einen Menschen hinter dem Zaun bemerkt.

Als ich älter wurde, gelang es mir schließlich, auch über den Zaun zu blicken. Was nicht hieß, dass der Zaun, Fritz oder das Haus dahinter an Reiz für mich verloren hätten. Nein, der Zaun gefiel mir noch immer und was er verbarg, schien umso rätselhafter zu werden, je öfter ich daran vorbeiging.

Fritz erwartete mich jeden Tag und inzwischen warf ich ihm seine Nascherei über den Zaun. Der Zwischenraum war für meine Hände zu eng geworden. Noch etwas hatte sich geändert, in der Zeit in der ich gewachsen war. Ich hatte mich über den Zaun, den Hund und das Haus zu wundern begonnen. Mir fiel nämlich auf, wie komisch es doch war, dass ich noch nie einen Menschen hinter dem Zaun entdeckt hatte. Und es ging ja nicht bloß um den Zaun. Ich hatte auch nie jemanden an einem Fenster stehen sehen. Niemand hat je das Haus betreten oder verlassen, seit ich mich erinnern konnte. Und niemand war je mit dem armen Fritz Gassi gegangen.

Vermutlich hätte ich die Geschichte dennoch auf sich beruhen lassen, hätte nicht eines Tages, das Gartentor einfach offen gestanden.

Ich stutzte. Von Fritz war keine Spur zu sehen. Der mit weissem Kies belegte Weg führte schnurgerade vor die Haustür. Sollte ich?

Auf leisen Sohlen schlich ich durch das Gartentor. Enttäuschenderweise fühlte es sich nicht annähernd so besonders an, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich hatte nicht einmal herausgefunden, ob das Tor quietschte. Es stand noch immer weit offen. Von dieser Seite gefiel mir der Zaun ebenso gut, wie von der Strasse her. Trotzdem nagte etwas an mir. Ich wusste nicht genau, was es war. Etwas schien nur einfach nicht zu stimmen. Etwas mit dem Zwischenraum?

Es sah aus, als würden silbrige Schwaden, wie Dampf aus den Zwischenräumen hervorsteigen. Eigenartig. Auch wenn ich über den Zaun blickte, konnte ich fast nichts erkennen. Es sah aus, als wäre die Welt auf der anderen Seite des Zauns in dicken Nebel gehüllt.

Spätestens jetzt war der Zeitpunkt, an dem ich eigentlich hätte umkehren sollen. Aber obwohl mir die Situation bei weitem nicht mehr geheuer war, siegte meine Neugier. Außerdem war die Tatsache, dass von Fritz keine Spur zu finden war, etwas, dass ich nur ungern ließ, wie es war. Fritz war mein Freund und ich war für meine Freunde da.

Den Zaun hinter mir lassend, hielt ich als Erstes nach einer Hundehütte Ausschau. Ich ging dafür im ganzen Garten umher, indem es nach Rosen und Lavendel duftete, obwohl ich nirgends weder Rosen noch Lavendel sehen konnte. Seltsam.

Nachdem ich einmal um das ganze Haus herumgelaufen bin, war ich mir sicher, dass es im ganzen Garten nirgendwo eine Hundehütte gab. Ich hatte Fritz auch leise gerufen, aber er war nicht aufgetaucht. Ob er durch das Gartentor nach draußen verschwunden war? Nachdenklich blickte ich zurück zum Gartentor, dass nach wie vor offen stand. Wer wohl das Tor geöffnet hatte? Die komischen silbernen Schwaden, die von den Zwischenräumen kamen, schienen dichter zu sein, als noch vor wenigen Minuten. Ich konnte inzwischen nicht mehr über den Zaun sehen. Dahinter lag alles verborgen, in diesem komischen Nebel.

Ich fröstelte, obwohl es eigentlich ein warmer Sommertag war. Unschlüssig blickte ich mehrere Male zwischen dem Tor und dem weißen Haus, dem ich inzwischen viel näher war, hin und her. Dann entschied ich mich, anzuklopfen.
Etwas befangen näherte ich mich der Tür und knetete dabei meine kalten Hände. Die Tür des Hauses war ebenso weiss, wie der Rest des Gebäudes. Ich hob die Hand und klopfte zaghaft an die hölzerne Tür. Jedenfalls wollte ich an die Tür klopfen. Als meine Hand jedoch mit der Tür in Verbindung kam, löste sich das komplette Haus vor meinen Augen auf. So als hätte es niemals existiert. An seiner Stelle, war der Garten, der nun aber vor Blumen und Bäumen nur so strotzte. Nur schienen sie völlig verkehrt und verdreht zu sein.

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Was immer hier geschah, es schien nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Ohne noch einmal einen Blick auf die leere Fläche des Hauses und den unheimlichen Garten zurückzuwerfen, rannte ich zurück zum Gartentor.

Aus dem Nebel vor dem Gartentor konnte ich Fritz erkennen. Gott sei Dank! Fritz war nichts geschehen. Aber er kam direkt auf mich zu und jetzt da ich gesehen hatte, welche verdrehte Realität hinter diesem Lattenzaun herrschte, war ich nicht bereit, Fritz noch länger in diesem Garten zu lassen.

„Geh weg, Fritz. Geh weg.“, versuchte ich auf ihn einzureden, während ich meinerseits auf ihn zu ging. Dann trat er jedoch schon aus dem Nebel heraus. Ein spitzer Schrei ertönte und es dauerte einen Augenblick, bis ich realisierte, dass ich es war, die geschrien hatte.

Ich war wie erstarrt. Fritz, der wunderschöne Schäferhund, mein Freund, war … Etwas. Als er aus dem Nebel herausgetreten war, hatte er sich ebenso verändert, wie das Haus und der Garten um mich herum. Fritz war kein Hund. Ich hätte aber auch nicht sagen können, was er denn genau war.

Er ging nach wie vor auf allen vieren, aber er hatte vollkommen unproportionierte, lange schwarze Beine, mit Klauen daran, die einem Tiger alle Ehre gemacht hätten. Sein Körper schien ebenso deformiert und wirkte, als wäre er überzogen mit schwarzem Teer. Eine rote Zunge hing aus seinem Maul, aber sie war Spitz zulaufend und die Augen, die vorher braun und treu und klug gewesen waren, waren nun zwei weisse, leere Höhlen.

Das Ding … Fritz kam immer näher auf mich zu, ohne dass ich meine Beine dazu hätte bringen können, sich in Bewegung zu setzen. Erst als er direkt vor mir stand, und seine rote Zunge nach mir ausstreckte, kam wieder Leben in mich. „Geh weg!“, schrie ich, so laut ich konnte, und versuchte, dem Ding einen Tritt zu verpassen. Es wich jedoch aus, sein Geschick und die Geschwindigkeit gänzlich unnatürlich, selbst für ein kluges Tier, wie Fritz.

Für mich galt jetzt nur noch ein Ziel. Ich musste unbedingt den Garten verlassen. Das Schild auf dem Gartentor kam mir in den Sinn: „Das Tor bitte immer schliessen“. Nun ergab für mich diese Inschrift auf einmal einen Sinn. Allerdings wünschte ich, dem wäre nicht so. Hätte ich doch nur nie diesen Garten betreten.

Ich sammelte alle meine Kräfte, um so schnell wie möglich zum Tor zu sprinten und rannte, als Fritz durch den Schlag kurzzeitig abgelenkt war, an ihm vorbei. Das Tor kam näher und näher. Schon wurde der Nebel klarer und ich konnte die Straße meiner Nachbarschaft wieder erkennen. Nur noch wenige Meter.

Ein brennender Schmerz fuhr durch meinen linken Knöchel. Etwas hatte sich darum herumgewunden und ich kam taumelnd zu Fall. Am Boden liegend erkannte ich, dass es Fritz und seine Zunge gewesen waren, die mich zu Fall gebracht hatten. Dann geschah etwas, dass ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt hätte.

Fritz verwandelte sich vor meinen Augen in einen Menschen. Er verwandelte sich allerdings nicht einfach in irgendeinen Menschen. Innerhalb von wenigen Sekunden starrte ich nämlich in mein eigenes Gesicht, dass zu einer hässlichen Maske verzerrt auf mich herunterlächelte.

„Warum tust du das?“, wollte ich sagen. Aber alles, was hervorkam, war ein Heulen, das mich in den Ohren schmerzte. Fritz verzog mein Gesicht. Ihm gefiel der Laut, den ich ausstieß wohl ebenso wenig.

„Danke.“, sagte Fritz mit meiner Stimme. „Du weißt nicht, wie lange ich auf diesen Tag gewartet habe. Endlich. Endlich warst du dumm genug, das Gartentor zu betreten. Das Schild war nicht von mir, übrigens. Aber jetzt da du hier bist und ich … sagen wir, ich lass‘ es dran, ja?“ Fritz hielt einen Moment inne. „Bevor ich es vergesse; du kannst dich erst zurückverwandeln, wenn es dir gelingt einen Menschen in den Garten zu locken und ihn mit deiner Zunge zu berühren.“

Dann drehte sich Fritz in meinem Körper auf dem Absatz um und verließ denn Garten. Als er das Tor zuzog zwinkerte er mir zu und sein fieses, verzerrtes Grinsen, brannte sich in mein Gedächtnis.

Ich stieß ein ungeheuerliches Heulen aus. Jemand sollte mich hören. Jemand musste mir helfen. Irgendjemand würde wohl bemerken, dass dies nicht mehr ich war, in meinem Körper oder?
In meiner Verzweiflung irrte ich durch den verwunschenen Garten, bis ich an einen kleinen Weiher kam. Angespannt ging ich auf den Weiher zu. Als ich mein Spiegelbild sah, hätte ich am liebsten geweint. So aber löste sich aus meiner Kehle nur erneut dieser grässliche Schrei. Ich sah aus wie er. Wie Fritz. Nicht wie Fritz, der Schäferhund, sondern wie Fritz, das komische, deformierte Monster.

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