Eine Seite, Eine Geschichte

Violettes Blut

Entgeistert starrte ich auf Loas Lieblingsbluse. Sie wies einen dunkelvioletten Fleck auf, genau dort, wo vor Sekunden noch das Messer gesteckt hatte. Loa war leichenblass und zitterte. Ihr Atem kam in kurzen, flachen Stössen und sie schien ganz weit weg zu sein.

Violett. Der Fleck auf ihrer Bluse war violett. Was bedeutete das? Musste Blut nicht rot sein? War es das nicht normalerweise auch? Einen Moment lang, war ich versucht, mit dem Messer, dass ich aus Loas Brustkorb gezogen hatte, meine eigene Haut aufzuritzen. Nur um zu sehen, dass mein But war, wie es sein sollte. Rot. Dann fiel mein Blick auf meine Hände, die vor roter Flüssigkeit glänzten. Das Blut des Messerwerfers war definitiv rot gewesen. Er hatte damit gerechnet, dass Loa allein sein würde. Seine Deckung war praktisch nicht vorhanden gewesen. Ich konnte ihm ohne Probleme den Boden unter den Füssen wegtreten. Dann zog ich in einer fliessenden Bewegung das Messer aus Loas Brustkorb und versenkte es im Hals ihres Angreifers. Von Loa selbst kam die ganze Zeit kein einziger Laut.

Als sie den Boden unter den Füssen verlor, wurde mir die Gefahr bewusst, in der wir (Hatte ich mich soeben auch zum Ziel gemacht?) noch immer schwebten. Instinktiv machte ich einen Schritt nach vorne, und konnte gerade noch verhindern, dass ihr Hinterkopf auf den Boden der Bibliothek knallte. Ich sank mit Loa auf die Knie, so dass wir von der Empfangstheke der Bibliothek verdeckt wurden. Wenigstens verhinderte dies, dass wir sofort erblickt wurden, sollte erneut jemand die Bibliothek betreten.

Der marmorne Boden unter meinen Knien war kalt und hart. Ich legte Loas Kopf in meinen Schoss und strich ihr die dunklen Haare aus der schweissnassen Stirn. Sie glühte. Meine Hände zitterten. Immer wieder zuckte mein Blick zu der Wunde in Loas Brustkorb, und dem Fleck der mit jeder Sekunde, die verstrich grösser und grösser zu werden schien. Panisch drückte ich meine Hände auf ihren Brustkorb, um die Blutung einzudämmen. Aber zu meinem grossen Entsetzen schien es einen eher gegenteiligen Effekt zu haben. Die violette Farbe von Loas Blutes, nahm inzwischen einen Grossteil der weissen Bluse in Anspruch und meine Hände waren, neben dem roten Blut, nun auch noch voll mit Loas. Was sollte ich nur tun? Wen konnte ich anrufen? Wer würde nicht völlig durchdrehen, wenn er Loa so sah? Die Polizei? Zu gefährlich. Wer sagte mir denn, dass dieser Typ mit dem Messer, nicht von der Polizei selbst gekommen war. Ich warf einen Blick zu seinem Körper, der auf dem marmornen Boden verblutete. Es blieb keine Zeit ihn auf Hinweise zu untersuchen, ich musste sofort handeln. Nur wem konnte ich vertrauen?

Loa hat keine Familie, so viel ich wusste. Vor einem halben Jahr ist sie wie aus dem Nichts hier aufgetaucht, und hat in der Bibliothek Arbeit gesucht. Oma hat sie eingestellt. Natürlich. Wer konnte schon nein sagen zu Loa, mit ihrem vollen, dunklen Haar, ihren strahlend blauen Augen und den Grübchen, die sich immer zeigten, wenn sie lächelte. Ich glaube, ich hatte mich vom ersten Moment an, in dem ich sie gesehen habe, in sie verliebt.

Oma. Ich musste Oma anrufen. Das war vielleicht die Lösung, um Loas Leben zu retten. Nicht, dass meine Oma eine Ärztin wäre, ihr gehört doch nur die Bibliothek, aber sie wusste vielleicht eher, was zu tun war. Ich konnte langsam nicht mehr klar denken.

Mit zittrigen Händen fischte ich mein Handy aus der Hosentasche. Bitte hab Empfang, bitte hab Empfang, flehte ich mein Handy im Stillen an und drückte auf die Schnellwahltaste der Nummer meiner Oma. Sie ging nach dem zweiten Klingeln ran.

«Jan?»

Ich sagte nichts, wusste nicht, was ich sagen sollte. Was konnte man denn in so einer Situation sagen? Plötzlich erschien mir die Idee, Oma da mit hineinzuziehen doch nicht mehr so geschickt.

«Jan?», fragte sie nochmal, «bist du dran?» Klang sie besorgt, oder bildete ich mir das in meiner Panik ein?

Ich räusperte mich. «Ich bin da.»

Oma atmete hörbar aus, am anderen Ende der Leitung.

«Was ist denn los?»

«Ich … es … Loa.», ich schluckte und versuchte meine rasenden Gedanken zu ordnen. «Loa ist verletzt.», sage ich dann, mangels einer besseren Erklärung ihres Zustandes.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

«Ich, also, ich wusste nicht was ich tun sollte. Da ist so viel Blut und … und es ist violett!», sprudelte es aus mir heraus. «Oma? Hallo?»

Wieder war es einen Moment lang still, dann ertönte leise die Stimme meiner Oma.

«Also doch.», hörte ich sie flüstern.

«Du wusstest davon?», ich starrte bestürzt auf mein Handy.

«Ich dachte nicht, dass es schon so bald passiert.», kam es von meiner Oma, anstelle einer echten Antwort auf meine Frage. «Hör mir gut zu jetzt, Jan. Schliess die Tür. Lass niemanden herein. Ich bin sofort da. Wir müssen sofort Atlantis kontaktieren.» Dann legte sie auf.

Langsam liess ich mein Handy sinken, dessen Gehäuse nun ebenfalls von rotem und violettem Blut beschmiert war. War meine Oma übergeschnappt? Einer Eingebung folgend zog ich umständlich mein Shirt aus und bettete es unter Loas Kopf, den ich sanft darauf ablegte. Dann stand ich auf und schloss die Haupteingangstür der Bibliothek. Hat sie tatsächlich Atlantis gesagt? Ich schüttelte den Kopf und ging zurück zur Theke, um wenigstens bei Loa zu sein. Sie lag, nach wie vor dort, wo ich sie zurückgelassen hatte. Der Angreifer mit dem Messer allerdings, war verschwunden. Stattdessen war an der Stelle, an der er gelegen hatte, nur noch ein grosser, roter Blutfleck zu sehen.

Eine kalter Schauer rieselte über meinen Rücken. Dann hörte ich das Schlagen einer Tür.

2 Comments

  • Christine Fässler

    Hoi Céline
    Wau so cool dini Gschicht vo dem violette Bluet. Also ich gsehn scho da steckt sehr viel i Dier. Freuit mich riesig das Du das machsch.
    Bin übrigens geschter au bi de Handläseri gsi in Oberägeri. Sehr spannend und interessant.

    Also machs guet nid ds viel stress und liise grad wiiter.
    Grüessli Christine

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