Winter Frost Bubble Frozen Snow  - stefanklaussner / Pixabay
Mythos

Die Eisigen

Schreibe einen Mythos, um zu erklären, warum es schneit.

Lass mich dir eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die ich jedem erzähle, der mich danach fragt. Manchmal erzähle ich sie allerdings auch, wenn ich nicht danach gefragt werde. Es ist schlicht eine sehr interessante Geschichte. Wer sie nicht kennt, hat meiner Meinung nach etwas versäumt.

Gut, nachdem das geklärt wäre, legen wir los.

Hast du dich schon einmal gefragt, warum es schneit? Woher kommt all der Schnee, der Jahr für Jahr immer wieder auf unsere Erde herunterschneit und alles unter seiner weißen, weichen Kälte begräbt.

Na? Wunderst du dich? Wenn du dich bis jetzt noch nie mit diesem Thema beschäftigt hast, so stellst du dir diese Fragen bestimmt.

Aber du hast Glück. Schließlich hast du ja mich getroffen und ich kenne mich damit aus. Ich bin sozusagen, der Experte auf diesem Gebiet und ich werde dir all mein Wissen weitergeben. Und ich spreche von großem Wissen. Es gäbe nämlich auch eine Kurzversion dieser Geschichte. Ich halte diese allerdings für ungenau. Außerdem ist sie so kurz, dass es sich meiner Meinung nach nicht lohnt, damit überhaupt anzufangen.

Ich erzähle dir also die lange Version. Vielleicht willst du solange Platz nehmen? Du musst doch nicht gerade irgendwo hin, oder? Prima.

Über den Wolken, und ich meine weit über den Wolken, liegt die Kronenstadt des Eises. Das ist nicht groß bekannt, aber das liegt daran, dass die Kronenstadt uralt ist. Die meisten Menschen, die um sie wussten, sind längst gestorben. Ich bin einer der Letzten, der diese Geschichte kennt. Aber ich bin schließlich auch kein Mensch. Jedenfalls kein einfacher.

Die Kronenstadt ist, wie es der Name schon sagt, eines Königs würdig. Sie ist wunderschön. Die Häuser prunkvoll und von einer Eleganz, die man unten auf der Erde nirgends findet. Das liegt zu einem großen Teil auch an den Bewohnern der Kronenstadt. Die Eisigen – der Name wird ihnen übrigens nicht gerecht, sie sind ein sehr warmherziges Volk – sind das wohl eleganteste Volk, dass mir in meinem langen Jahren begegnet ist. Die Frauen tragen langes, Eisweisses Haar, die Männer kurzes, in eisblauer Farbe. Die Augen sind ebenso verwirrend wie hypnotisierend. Sie fangen die Aufmerksamkeit von jedem ein, der es wagt, ihren Blick zu erwidern. Sie sind ausnahmslos groß gewachsen, ihre Hände sind fein, mit langen Fingern, ihr Griff jedoch kräftiger als der Griff eines Riesen.
Das Besondere an den Eisigen ist jedoch etwas ganz anderes. Natürlich klingt das alles schon sehr außergewöhnlich, keine Frage. Aber ich sage dir, was wirklich besonders ist an ihnen, sind ihre Tränen.

Du glaubst mir nicht? Mein Freund – ich darf doch Freund sagen? – erliege nicht der Versuchung diese Geschichte gleich als Unsinn abzutun. Den wichtigsten Teil hast du noch nicht gehört. Ich habe dir mein ganzes Wissen versprochen und ich werde dir erklären, warum die Tränen der Eisigen so besonder sind. Skeptisch schauen ist erlaubt, aber deswegen nicht mehr zuzuhören ist keine Option.

Die Tränen der Eisigen sind nämlich eisig kalt. Daher haben die Eisigen schließlich auch ihren Namen. Aber das hast du dir sicher schon selbst zusammengereimt. In der Kronenstadt spielt das keine Rolle. Die Temperaturen dort sind … anders. Vergossene Tränen in der Kronenstadt, sind nicht anders, als menschliche Tränen auf der Erde. Auf der Erde vergossene Tränen eines Eisigen, haben jedoch Auswirkungen.

Diese Tränen sind auf der Erde so kalt, dass sie gefrieren und es schneit. Hättest du das gedacht? Das ist aber nun noch nicht alles. Das wäre auch komisch gewesen, das verstehe ich.

Du weißt jetzt wie eine einzelne Schneeflocke entsteht. Es ist eine einzige Träne von einem Eisigen. Wenn es schneit, dann sind das aber Millionen und aber Millionen von Schneeflocken, von Tränen und das gleichzeitig.

Ich sehe an deinem Gesichtsaudruck, dass du verstehst worauf ich hinaus will. Tatsächlich schneit es nur, wenn alle Eisigen gemeinsam weinen. Warum sie das jedes Jahr aufs Neue tun? Sie beweinen ihre Kinder.

Die Kinder der Eisigen sind verlorengegangen. Vor langer, langer Zeit. Jedes Jahr zur selben Zeit, versammelt sich also das Volk der Kronenstadt und sie weinen. Beim allerersten Mal war es ein Zufall gewesen, dass so viele der Tränen auf die Erde gefallen sind. Aber die Eisigen waren von der Freude der Menschen so überrascht und trotz der Schwere der Situation fanden sie Gefallen an der Begeisterung dieses einfachen Volkes. Nichts für ungut. Ich weiss ihr Menschen seid sehr empfindlicher Natur.

Nun die Geschichte endet folgendermassen, die Eisigen nahmen sich vor jedes Jahr zu trauern. Einerseits um ihre verlorenen Kinder zu ehren. Andererseits um mit ihrem Schmerz wenigstens den Menschen etwas Gutes zu tun. Wunderlich, nicht? Ich erwarte auch nicht, dass du das verstehst. Menschen sind dafür viel zu egozentrisch. Aber das ist nicht schlimm. Wirklich nicht. Es ist Teil eures Charmes.

One Comment

  • Gina

    Uff, was kann ich da schreiben… Es hat mich richtig mitgerissen, weiteres von diesem Geschichtenerzähler zu “hören”… In meiner Vorstellung war es ein älterer Mann, vielleicht ein Gaukler oder Reisender, der sich neben mich gesetzt hat und mir von den Eisigen erzählt… Irgendwie hat es aber auch den Erzählstil von Lovecraft, der beispielsweise mit “das Ding auf der Schwelle” den Erzähler die grausige Geschichte seines Freundes dem Leser näherbringt…

    Echt, eine tolle Schreibübung!

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